Zwischen den Kulturen

Interkulturelle Kommunikation – (k)ein Thema für Technische Redakteure?

Nur wenige von uns Technischen Redakteuren arbeiten für Unternehmen, in denen ausschließlich für den deutschen Markt produziert wird. Interkulturelle Kompetenz sollte deshalb für alle Technischen Redakteure ein Thema sein. Ein Beispiel? Britische Hausfrauen (und -männer) stapeln Hemden anders als deutsche, nämlich mit den Kragen abwechselnd einmal oben und unten, statt alle Kragen aufeinanderzulegen. Bei einer Anleitung für Bügeleisen sollten die Abbildungen das dann auch widerspiegeln.

Nun gibt es ja eine Fülle von interkulturellen Trainings, Ratgebern, Tipps. Leider verbreiten viele – sagen wir mal gnädig – Halbwahrheiten. Das fällt uns am leichtesten auf, wenn man z. B. einen englischen Ratgeber zu Deutschland befragt. Woran denken wir wenn wir etwas Gelbes sehen? Richtig, natürlich nur an Neid – deswegen nie Gelb für deutsche Logos verwenden. Ob Netto, Uhu und die Gelben Seiten das auch wissen?

Hans Jürgen Heringer "Interkulturelle KOmmunikation" Titelseite

Ein wenig desillusioniert habe ich mich deshalb auf die Suche gemacht nach Informationsquellen, die über platte Rezeptweisheiten hinausgehen. Fündig geworden bin ich bei einem der bekannteren deutschen Linguisten, Hans Jürgen Heringer. Seine Einführung in die interkulturelle Kommunikation ist mittlerweile in der dritten Auflage erschienen. Allein das deutet ja schon auf Qualität. Doch wie hilfreich ist das Buch für Technische Redakteure?

“Interkulturelle Kommunikation” für Technische Redakteure

Nun ja, als ich das Buch aufgeschlagen habe, war ich erst einmal enttäuscht. Knapp die Hälfte des Buchs beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten des Kommunikationsbegriffs. Zumindest die jüngeren Redakteure und diejenigen mit Übersetzer-Hintergrund dürften das schon aus dem Studium kennen. Für alle, die hier noch Nachholbedarf haben, ist das aber eine durchaus gelungene Einführung.

Entschädigt hat mich dann der zweite Teil. Statt simplem Rezeptwissen vermittelt Heringer ein Instrumentarium, mit dem man kulturelle Unterschiede verstehen kann. So zeigt er etwa, in welchen Situationen kulturelle Missverständnisse besonders oft auftreten (Hotspots) und wie man Konzepte erkennt, die eine Kultur für sich als wichtig empfindet (rich points). Dabei versinkt Heringer nicht  im Theoriesumpf, mit einer Fülle authentischer Beispiele macht er die Konzepte unmittelbar erfahrbar.

Das Ganze liest sich denn auch angenehm entspannt; gleichzeitig aber nie plakativ oder oberflächlich. Als Technischer Redakteur wird man mit der Zeit allerdings bedauern, dass die Beispiele ausschließlich aus Gesprächen und sozialen Situationen bestehen. Da hätte man sich gewünscht, ab und zu auch einmal schriftsprachliche Beispiele präsentiert zu bekommen. Andererseits werden in der Interaktion Probleme natürlich schneller offensichtlich. Und so mag es verständlich sein, dass sich Heringer auf die aussagekräftigsten Beispiele beschränkt.

Und nun?

“Interkulturelle Kommunikation” ist mit Sicherheit kein Buch, dass man zu Vorbereitung eines Auslandsaufenthalts lesen sollte, damit man ein paar interkulturelle Fettnäpfchen vermeidet. Wer nach simplem Rezeptwissen sucht, ist hier an der falschen Stelle.

Wer sich aber ernsthaft und eingehender mit Interkulturalität beschäftigen möchte, dem liefert das Buch ein geistiges Rüstzeug an die Hand, mit dem sich interkulturelle Problemstellen leichter identifizieren lassen und interkulturelle Probleme einfacher analysieren. Und das alles auf 240 großzügig bedruckten Seiten, die man bequem einmal nebenbei lesen kann.

Literatur: Heringer, Hans Jürgen [(3)2010]: Interkulturelle Kommunikation, Narr Francke Attempto Verlag Tübingen, ISBN: 978-3-8252-2550-6

Term Time: Notizen zum 12. Deutschen Terminologie-Tag

Zugegeben: Auch wenn ich als Linguist bereits die eine oder andere Erfahrung mit Terminologie-Management gemacht habe. Bei vielen Aspekten kann ich immer noch dazu lernen. Deshalb war ich mehr als gespannt, was mir der 12. Deutsche Terminologie Tag in Heidelberg an neuen Einsichten eröffnen würde. Wie sehen die optimalen „Workflows“ aus, welche „Best Practices“ haben sich herausgebildet, was tut sich in der Tool-Landschaft – eine Menge Fragen, die ich mit im Gepäck hatte.  Beim Eintreten in den Saal gab es die erste Überraschung: Ich hatte eine eher intime Veranstaltung erwartet, aber der Saal war voll bis zum Überlaufen. Und in der Tat, der Vorstand Mark Childress bestätigte meine Vermutung: Die diesjährige Teilnehmerzahl übertraf vorherige Veranstaltungen um das Zehnfache. Ein weiterer Beweis dafür, wie sehr das Interesse an diesem Bereich in den letzten Jahren gestiegen ist. Doch was sind die neuen Trends? Im Folgenden ein kleiner Überflug über die (meiner Ansicht nach) spannendsten Themen.

Unternehmenskonkurrenz: Wissen ist Macht

Produktentwicklung stellt eine kritische Phase eines jeden Unternehmens dar: allzu oft verschafft sich die Konkurrenz Zugang zu Bauteilplänen, Produktkonzepten und Verfahrensweisen. Um dies zu verhindern, verwenden Unternehmen manchmal Termini strategisch falsch (oder entwickeln falsche Termini). Dies führt in der Konsequenz zu noch ungenaueren Terminologiebeständen, was für die Terminologen wiederum schnell zum Albtraum werden kann.

Eine andere strategische Entscheidung, die viele Unternehmen treffen: die grundsätzliche Verheimlichung ihres Terminologie-Managements. Um den Zugriff auf Terminologiebestände zu erschweren bestreiten sie sämtliche Terminologie-Bemühungen und verheimlichen eingesetzte Softwarelösungen.

Richard Strudell

Motivation

Motivation war auch ein Thema im Symposion. Wenn die Motivation auf dem Tiefstand steht, droht Gefahr für Einheitlichkeit und Genauigkeit in der Terminologie. Es lässt sich feststellen: Um effektiv ein Terminologie-Management-Projekt durchzusetzen, müssen alle Beteiligten davon überzeugt sein, dass diese Arbeit nicht nur sinnvoll, sondern notwendig für die Wissensentwicklung eines Unternehmens ist. Darüber hinaus brauchen alle Beteiligten sowohl fachliche als auch psychologische Unterstützung von den Projektzuständigen, um einen hohen Motivationsgrad aufrechtzuerhalten.

Perfektionismus? In Grenzen halten!

Obwohl es selbstverständlich ausschlaggebend ist, sich in der technischen Dokumentation so präzise, klar und knapp wie möglich auszudrücken, kann Perfektionismus im Bereich Terminologie-Management genauso viel schaden, wie es nützt. Sobald ein Terminologiekreis (d. h. die für die Terminologiebesprechung und –freigabe Zuständigen) einen umstrittenen Terminus übermäßig diskutieren muss, kann es für ein Unternehmen schnell teuer werden. Wenn z. B. fünf Mitarbeiter einen Terminus nur eine Stunde besprechen müssen, kostet dies das Unternehmen bereits einen dreistelligen Betrag; aufsummiert auf ein Jahr kann daraus leicht eine fünfstellige Summe werden. Also sollten Mitarbeiter des Terminologiekreises sich bemühen, schnell Kompromisse zu schließen, um nicht auf nutzlose und langwierige Diskussionsabwege zu geraten.

Terminologie als Ding an Sich

Nein, nicht im Kant’schen Sinne des Wortes, sondern Terminologie als Produkt, als Ware, als gekaufte bzw. verkaufte Einheit. Im Laufe der Veranstaltung wurde immer wieder deutlich, wie konkret – ja, fast „anfassbar“ – die Idee von Terminologie geworden ist. Und nicht nur in Terminologie-Fachkreisen, sondern auch in der Unternehmensstruktur: Immer mehr Unternehmen halten Terminologie-Management für unentbehrlich. Sie betrachten die Datenbestände und -verwaltung als finanzielles und intellektuelles Gut, bis hin zur Aktivierung in Bilanzen.

Für mich bleibt zu sagen: Ich habe eine Fülle von Anregungen und Impulsen bekommen. In zwei Jahren bin ich sicher wieder mit dabei beim dann 13. Terminologietag.

http://www.dttev.org/

 

Twitter für Technische Redakteure

SingvogelRenate Kalloch / pixelio.de

Wollen wir uns als Technische Redakteure doch mal die moderne Gretchenfrage stellen: “Wie hältst du es mit dem Web 2.0, sprich?” Nun, wenn man ehrlich ist, drucksen wir ähnlich herum wie Faust: “Im Prinzip ist das schon wichtig, aber naja, ich weiß jetzt auch nicht, was ich damit anfangen soll und eigentlich habe ich ja gar keine Zeit und …” Grund genug, mal die Frage zu stellen, was bringt das eigentlich? Ich will deshalb mal am Beispiel Twitter durchspielen, was Social Media mir als Technischem Redakteur bringt.

Umsatzbringer Twitter

Wenn man den Beteuerungen der Web-Marketing Experten glaubt, dann findet ja praktisch sämtlicher moderner Vertrieb über Social Media statt und sobald man nur angemeldet ist (und sich von den Experten beraten lässt) rennen die Kunden uns die Bude ein. Tja, wenn es so einfach nur wäre. Tatsächlich kann ich keinen direkten Effekt auf unsere Kundenanfragen feststellen. Ist eigentlich auch kein Wunder – wer sagt sich schon “Oh, da muss ich noch die Doku beauftragen. Lass mich doch mal bei Twitter gucken, wen es da so gibt.”
Wenn Twitter wirkt, dann auf einer anderen Ebene. Zum Beispiel bemerke ich, dass die Zugriffe auf unsere Website deutlich gestiegen sind, seit wir bei Twitter aktiv sind. Das sind nicht immer nur Zugriffe aus Twitter, denn nur ein Viertel der Zugriffe über Twitter tauchen auch so in den Webstatistiken auf. Also: Twitter bringt mehr Aufmerksamkeit und das spiegelt sich irgendwann auch im Umsatz wieder. Aber direkt messen lässt sich das wohl kaum.

Leute heute

Wenn es etwas gibt, wozu Twitter gut ist, dann Kontakt zu Leuten aufzubauen. Jetzt werden sicher manche abwinken. Immerhin hat Twitter immer noch den Ruf, hauptsächlich sinnfreie Spaßkommunikation zu sein. Zu Unrecht. Denn natürlich gibt es auch eine Menge sinnloses Geplauder bei Twitter. Aber: Welche Nachrichten ich zu sehen bekomme, hängt davon ab, wem ich folge. Und da lassen sich durchaus beruflich relevante Kontakte aufbauen.

Wenn man nicht die Gelegenheit hat, permanent auf internationalen Kongressen aufzutauchen, dann ist Twitter wohl die einfachste Möglichkeit, mal über den nationalen Tellerrand zu gucken. Und wenn man die Gelegenheit hat, dann ist Twitter eine einfache Form mit den internationalen Bekanntschaften auch in Kontakt zu bleiben.

Das gleiche gilt für Fachgebiete: Einen Experten für E-Learning? Informationen zu XML-Editoren?  Usability-Fachleute? Übersetzungen ins Baskische? Mit Twitter im Handumdrehen identifiziert. Mit der Zeit baut man so ein ganzes Netzwerk aus Kontakten auf, die täglich zu den wichtigsten Trends aus ihren Bereichen informieren.

Umgekehrt ist ein Twitterprofil natürlich auch eine Einladung für andere, Kontakt mit uns aufzunehmen. Mittlerweile erhalten wir über Twitter schon so manche Praktikumsanfrage. Und auch bei manchem Dienstleister stand am Anfang unserer Zusammenarbeit ein Tweet, der unsere Aufmerksamkeit geweckt hat.

Auf zu neuen Ufern

Und damit wären wir bei dem (für mich) wichtigsten Nutzen aus Twitter. Seit ich Twitter benutze, habe ich Twitter als Know how- und Inspirationsquelle zu schätzen gelernt. jeden Tag stoße ich auf neue Verweise zu interessanten Blogeinträgen, Websites oder Software-Lösungen. Nicht alles davon ist immer relevant. Und nicht immer kann ich eine Information sofort verwenden. Nicht immer. Aber immer öfter.

P. S.: Mehr von mir zu Twitter und Technischer Dokumentation gibt es bei der tekom.

Ein Bild oder doch lieber 1000 Worte?

Vielen wird es so wie mir gehen: Wenn sie von einer Anleitung nur aus Bildern und Illustrationen hören, denken sie sofort an die Bauanleitungen der Möbel eines schwedischen Möbelhauses oder die Legobausätze ihrer Kindheit mit den rein illustrierten Anleitungen.

www.lernspiele.org / pixelio.de

www.lernspiele.org / pixelio.de

Früher habe ich mir nichts Besonderes dabei gedacht, heute als Technischer Redakteur betrachte ich diese Anleitungen aus einem ganz anderen Blickwinkel. Ich habe mittlerweile einen großen Respekt vor den Entwicklern solcher Anleitungen, die es schaffen, dass selbst ein Fünfjähriger einen komplexen Gegenstand zusammenbauen kann.

Die Beispiele zeigen sehr deutlich die Vorteile solcher Anleitungen. Denn oft stimmt das Sprichwort: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Der Nutzer des Produktes kann Schritt für Schritt den Bildern folgen und die Handlungen einfach nachahmen, ohne sich von einem Text ablenken zu lassen. Der entscheidende Vorteil für den Hersteller ist, dass die Anleitung theoretisch in jedes Land unabhängig von der jeweiligen Landessprache ohne Änderungen und Übersetzungen vertrieben werden. Außerdem muss sich der Hersteller der Dokumentation weniger Gedanken über Fachsprachen und Zielgruppen für die Anleitung machen.

Wobei auch hier die Kehrseite der Medaillen nicht fehlt, so ist eine illustrierte Anleitung sehr viel teurer in der Erstellung als eine rein textliche. Hinzu kommt, sollen komplexe Maschinen wie z. B. CNC-Maschinen oder Ähnliches dargestellt werden, so sagt ein Bild zwar mehr als tausend Worte, aber in diesem Fall nicht genug aus. Wenn es gilt, Hintergrundwissen aufzubauen, oder bei komplexen Prozessen, stößt die Darstellung sehr schnell an ihre Grenzen und es wird unumgänglich, die Prozesse textlich näher zu erläutern. Damit ist sie ungeeignet für Unternehmen mit einer breiten Produktpalette, die für jedes Produkt eine eigene oder sehr komplexe Anleitung benötigen. Zusätzlich gibt es Probleme bei komplexen Grafiken, die Aufmerksamkeit des Nutzers auf den Bereich der Grafik bzw. des Bildes zu lenken, in dem die Aktion stattfindet.

Ein anderer nicht zu vernachlässigender Punkt ist, dass manche Symbole und Bilder in bestimmten Regionen und Ländern nicht akzeptiert oder missverstanden werden. Ein Beispiel für ein solches Dilemma ist ein Handbuch eines großen Softwareunternehmens, auf dessen Titelblatt eine japanische Geisha abgebildet war. Aus historischen und sozialen Gründen konnte die Grafik in China nicht verwendet werden. Symbole wiederum sind Grafiken, die auch dem Muttersprachler nicht automatisch zugänglich sind. So erschließt sich das Warnzeichen für „Gefahr durch Laser“ den meisten Benutzern nicht intuitiv, die das Zeichen nicht kennen.

Im Endeffekt kann man also sagen, dass es stark vom Produkt und der Zielgruppe abhängt, ob eine rein grafische Anleitung sinnvoll ist. Handelt es sich um eine Bauanleitung für ein einfaches Produkt, so kann eine rein illustrierte Anleitung durchaus Sinn machen. Geht es jedoch um ein komplexes Produkt mit vielen Varianten, so macht eine Mischform aus Text und Bild mehr Sinn.

Agile Dokumentation: Wo die Schlacht geschlagen wird

Ist Ihnen schon einmal das Schlagwort „Agile Dokumentation“ über den Weg gelaufen? Seit gut zwei Jahren höre ich es in der Doku-Community immer öfter.  Jeder – so scheint es – möchte gerne agil sein; nach den Entwicklern jetzt auch die Redakteure.

Kein Buzzword

Geistert mit “Agiler Dokumentation” nur ein neues Buzzword durch die Doku-Welt, das mangels anderer interessanter Themen für ein bisschen künstliche Aufmerksamkeit sorgen soll?

Agile Dokumentation by S. Hofschlaeger / pixelio.de

Agile Dokumentation by S. Hofschlaeger / pixelio.de

Nein, das glaube ich nicht. Denn hinter dieser Diskussion steckt ja ein berechtigtes Bedürfnis: Man möchte den in der Softwareentwicklung immer beliebteren agilen Entwicklungsprozessen einen entsprechenden Dokumentationsprozess zur Seite stellen. Einen Dokumentationsprozess, der einen produktiven Umgang schafft mit der genuinen Flexibilität und dem erhöhten Maß an Unsicherheit, die die agile Softwareentwicklung ganz automatisch mit sich bringt.

Wie reagieren wir als Doku darauf, dass noch weniger als bisher vorhersagbar ist, was in einer Software wirklich drin steckt und was die letztlich realisierten Features für Software-Hilfen und andere Benutzerdokumente bedeuten?  Wie sorgen wir unter diesen Rahmenbedingungen dafür, dass wir nicht für den Mülleimer schreiben und (wenigstens einigermaßen) rechtzeitig fertig werden? – So würde ich ganz grob die Herausforderung an die Technische Dokumentation rund um das Thema Agilität zusammenfassen.

Ein Wiki alleine reicht nicht

Und da war ich dann doch sehr überrascht, als ich vor Kurzem ein Fachbuch in die Hand bekommen habe. Es heißt „agile documentation“ und ist zugegebenermaßen nicht mehr das jüngste (Erscheinungsjahr 2003). Die Aufmachung und das dezidierte Versprechen, Antworten zu diesem Themenfeld zu geben, haben mich aber erst einmal angesprochen.

Gelesen habe ich darin viel Gutes. Dinge, die sich technische Redakteure auf jeden Fall zu Herzen nehmen sollten (So gibt es ein richtig gutes Kapitel über Layout und Typographie; und wer als Nicht-Muttersprachler Dokumentation auf Englisch schreibt, wird von diesem Buch ganz sicher profitieren). Nichts aber – und das hat mich erst überrascht und dann zunehmend enttäuscht –  im Grunde genommen nichts dazu, wie man agile Redaktionsprozesse intelligent organisiert. Dass man prinzipiell auch Wikis für die Doku-Erstellung verwenden kann, ist ein netter Hinweis; aber insgesamt fehlt mir in diesem Buch (und auch in so mancher aktuellen Diskussion) eine Perspektive, die das Thema agile Dokumentation stärker auf die  tatsächlichen Tätigkeiten von technischen Redaktionen herunterbricht.

Hier muss man ansetzen

Wenn ich so in die Historie der Software-Projekte schaue, die ich bisher betreut habe, sehe ich ein paar gute Ansatzpunkte für agiles Projekt- und Redaktionsmanagement:

  • Direkte Beteiligung
    Wo volle Flexibilität verlangt ist, braucht es möglichst vollständige Information. Deswegen ist es in agilen Projekten wichtig, dass diejenigen, die schreiben, von Anfang an ganz eng in das Entwicklungsteam eingebunden sind. Und das nicht in Form von Whitepapers, Spezifikationen oder Änderungslisten, sondern als vollwertige Teammitglieder, die an allen Besprechungen teilnehmen.
  • Gewissheit über die Zielgruppen
    Bevor ich mir Gedanken über den Prozess oder die Inhalte einer Dokumentation mache, muss ich wissen, an welche Adressaten sich die Inhalte richten. Wenn ich das weiß, habe ich über das ganze Projekt hinweg ein Auswahlkriterium, welche Dinge ich von vornherein weglassen kann. Das bringt ein ganzes Stück Entspannung für die Doku-Arbeit.
  • Flexibel befüllbare Dokumentarchitektur
    Auch wenn ich die Details noch nicht kenne, kann ich als Redakteur bereits wichtige Teile der Schreibarbeit erledigen. Ich kann festlegen, für welche Punkte ich welche Arten von Informationen brauche (z. B. Funktionsbeschreibungen, Anleitungen, Referenzen, Beispiele etc.). Auf diese Weise entsteht eine Dokumentarchitektur, die ich nach und nach mit Inhalt befülle. Wenn diese Architektur steht, kann ich auch gegen Ende des Projekts noch relativ schnell viel bewegen.
  • Sorgfältig durchdachte und dokumentierte Schreibstandards
    Womit ich beim letzten Punkt wäre: Das alles funktioniert natürlich nur, wenn man ganz genau weiß, was man in seinen Dokumenten wie umsetzt. Sprich: Für agile Redaktionsprozesse ist ein Redaktionsleitfaden essenziell. Er nimmt die Redakteure dabei an die Hand, sinnvolle Dokumentstrukturen für die benötigten Inhalte aufzubauen. Und er liefert das Handwerkszeug dafür, wie man diese Platzhalter verständlich für die Leser und effizient für den Redakteur befüllt bekommt. Auch dann, wenn die Zeit knapp wird.

Werden Technische Redakteure auf diese Weise zu Übermenschen? Nein, natürlich nicht. Und ganz sicher sind diese Punkte nicht die Lösung aller Probleme im agilen Projektmanagement. Und trotzdem: Hier liegen Effizienzpotenziale, die noch sehr selten genutzt werden – und die selbstredend auch vielen nicht-agilen Projekten gut täten.

Und Ihre Erfahrungen?

Haben Sie schon redaktionell in agilen Projekten gearbeitet? Welche Ansatzpunkte sehen Sie? Was hat sich bewährt? – Nutzen Sie gerne unsere Kommentarfunktion, um Ihre Erfahrungen zu schildern.

 

Technische Dokumentation – Was ist das denn?

Immer wieder passiert es mir, dass ich ratlose Blicke ernte, wenn mich neue Bekannte nach meinem Beruf fragen. Nein, ich meine jetzt gar nicht die Linguistik (mein Studium) sondern Technische Dokumentation. Deshalb hier einmal für alle und zum Nachlesen: Die wichtigsten Infos rund um die Technische Dokumentation bzw. Technische Redaktion.

Was macht ein Technischer Redakteur und was ist eine Technische Dokumentation?

Im Mittelpunkt der Tätigkeit eines Technischen Redakteurs liegt die Entwicklung, Erstellung und Aktualisierung Technischer Dokumentationen. Das können Bedienungsanleitungen, Schulungsunterlagen oder Online-Hilfen, für Produkte jeglicher Art, sein. Er beschreibt sie in verständlicher, zielgruppenorientierter Sprache und bringt so dem Nutzer ihre Funktionsweise bzw. ihren Zusammenbau näher. Er dient damit praktisch als Brücke zwischen Unternehmen und Produktnutzer.

Wie erstellt man Technische Dokumentationen in der Praxis?

Bedienungsanleitung by Gerd Altmann  / pixelio.de

Bedienungsanleitung by Gerd Altmann / pixelio.de

Im Arbeitsalltag umfasst die Tätigkeit eines Technischen Redakteurs, bei der Erstellung einer Bedienungsanleitung folgende Schritte:

  1. Zeitplanung des zu erstellenden Projektes
  2. Analyse des Zwecks der Anleitung und der Zielgruppe
  3. Prüfung der rechtlichen Rahmenbedingungen
  4. Sammeln und Auswählen von Informationen
  5. Durchsicht von evtl. schon zu dem Produkt vorhandenem Material
  6. Auswahl der geeigneten Medienform (z.B. Print oder CD-Rom)
  7. Festlegung auf ein Konzept
  8. Erstellung des Dokuments
  9. Lektorat und Usability Test
  10. Aktualisieren und Überarbeiten des Dokuments

Wie wichtig ist die Arbeit von Technischen Redakteuren?

Die Arbeit von Technischen Redakteuren wird immer wichtiger, da Bauweise und Bedienung von Geräten immer aufwendiger und damit für den Nutzer eine sinnvolle Gebrauchsanweisung immer wichtiger wird. In Deutschland sind mittlerweile Bedienungsanleitungen für komplexere Produkte vorgeschrieben. Zunehmend übernehmen Technische Redakteure Aufgaben der internen Kommunikation in Unternehmen, wie beispielsweise die Erstellung von Pflichtenheften oder Mitarbeiterzeitschriften.

Was benötigt ein Technischer Redakteur für seine Arbeit?

Einen Maschinen-Prototyp zu besichtigen, Entwickler-Interviews zu führen oder die Betaversion der neuen Software zu testen: Das sind mit Sicherheit Highlights im Arbeitsalltag von Technischen Redakteuren. Doch einen großen Teil seiner Zeit verbringen sie natürlich am Computer-Bildschirm. Dazu benötigen wir eine ausgefeilte Software-Landschaft mit diversen Spezial-Software-Paketen.

Bei kleineren Projekten reicht zwar meist ein Standard-Officepaket zur Erstellung einer Dokumentation. Bei größeren Projekten helfen dann XML-Editoren  und Content-Management-Systeme die Unmenge an Textdaten im Griff zu behalten.

Für die Grafik kommen je nach Art des Produkts und der Zielgruppe der Dokumentation allgemein gebräuchliche Software-Pakete (z. B. Photoshop oder Illustrator) zum Einsatz aber auch CAD-Software (z. B. AutoCAD) oder ScreenCam-Software (für die Erstellung von Screenshots). Terminologie-Management-Systeme sorgen dafür, dass Begriffe im Dokument einheitlich verwendet werden. Und Translation-Memory-Systeme sorgen dafür, dass auch die Übersetzung der Dokumente reibungslos läuft.

Wie qualifiziert man sich als Technischer Redakteur?

Die Qualifikation für die Ausübung des Berufs Technischer Redakteur ist nicht gesetzlich festgelegt. Die Kenntnisse können über ein entsprechendes Hochschulstudium, Weiterbildungen oder Umschulungen erworben werden. So kommen viele Technische Redakteure ursprünglich aus anderen Berufszweigen wie den Geisteswissenschaften auf der einen Seite und den Ingenieurswissenschaften auf der anderen Seite. Auch für Technische Redakteure, die schon im Beruf stehen, gibt es viele Qualifizierungsangebote, z. B. Tagungen des Fachverbands oder Seminare und Workshops von verschiedenen Anbietern.

Fragen fragen

Na ja, so ganz sauber ist die Überschrift nun nicht. Aber trotzdem: Die richtige Frage zu stellen, ist für Technische Redakteure eine extrem wichtige Fähigkeit. Und oft genug macht man sich zu wenig Gedanken darüber, wie gute Fragen aussehen und wie man ein Interview auch innerbetrieblich optimal vorbereitet. Grund genug also, das einmal in einem Sprachtipp zu beleuchten. Mehr dazu gibt es in der technische kommunikation 1/2012 oder auf der Homepage der tekom.