Nachhaltig dokumentiert?

Nachhaltige Dokumentation

Gerd Altmann / pixelio.de

Heute will ich mal ein paar Worte zu einem Punkt loswerden, der mir einerseits am Herzen liegt, den ich andererseits als einen blinden
Fleck in der Technischen Dokumentation wahrnehme: Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung als Aufgabe in der Technischen Dokumentation. Lange wurde das ja als ein Thema für irgendwelche “grüne Spinner” abgetan. Aber in den letzten Jahren haben auch Unternehmen gelernt (nicht zuletzt bedingt durch Skandale wie bei Shell, BP oder Siemens) , dass sie sich den damit verbundenen Fragen stellen müssen. Das Ergebnis zeigt sich in PR-Meldungen, in Geschäftsberichten, in Compliance-Handbüchern oder CSR-Guidelines und in der Werbung sowieso. Nur in der Technischen Dokumentation scheint das noch nicht angekommen zu sein. Woran liegt das? Hat die Dokumentation zu wenig Berührungspunkte mit dem Thema?

Dokumentation und Nachhaltigkeit

Ganz im Gegenteil. Nachhaltigkeit sollte in der Dokumentation sogar aus mehreren Blickwinkeln eine Rolle spielen. Ich will die hier einmal am Beispiel von Anleitungen (unserem Standard-Produkt) darstellen und ein paar Fragen anreißen, die man sich zu dem jeweiligen Aspekt stellen sollte.

  • Anleitungen sind Teil des Produkts:
    In wie weit sorgen wir in unseren Anleitungen dafür, dass unsere Produkte nachhaltig verwendet werden? Können wir durch verbesserte Usability ineffizienten Gebrauch verhindern? Reicht es wirklich aus, nur einen kurzen Entsorgungshinweis nach der RoHS-Richtlinie zu geben? Oder wäre es besser, genau über die Umweltschäden zu informieren, die durch unsachgemäße Entsorgung entstehen?
  • Anleitungen sind selbst Produkte:
    Spielen ökologische Gesichtspunkte eine Rolle bei der Auswahl der Medien, die wir produzieren? Sparen wir Energie und Rohstoffe mit einer Online-Anleitung oder verschwenden wir sie, weil die Nutzer ohnehin alles ausdrucken? Werden wir unserer sozialen Verantwortung gerecht bei der Zielgruppendefinition? Achten wir auf Barrierefreiheit in unseren Dokumenten?
  • Anleitungen entstehen in Prozessen:
    Wie energieaufwendig sind diese Prozesse? Lassen sich Recherchetermine vielleicht durch Telefonkonferenzen ersetzen? Wie energie-intensiv sind unsere Arbeitsstationen? Laufen die weiter, auch wenn wir uns gerade mal nicht am Arbeitsplatz befinden? Wo lässt eigentlich unser Übersetzer oder unser Software-Dienstleister arbeiten – in Deutschland, in der EU oder z. B. in Vietnam? Und wie sind die Arbeitsverhältnisse dort?

Ansatzpunkte für nachhaltige Dokumentation gibt es also genug. Doch ich wage zu bezweifeln, ob sich viele Technische Redaktionen systematisch mit dem Thema beschäftigen. Wie ist das bei Ihnen? Diskutieren Sie mit uns und schildern Sie uns Ihre Erfahrungen oder Ideen zu dem Thema.

Zwischen den Kulturen

Interkulturelle Kommunikation – (k)ein Thema für Technische Redakteure?

Nur wenige von uns Technischen Redakteuren arbeiten für Unternehmen, in denen ausschließlich für den deutschen Markt produziert wird. Interkulturelle Kompetenz sollte deshalb für alle Technischen Redakteure ein Thema sein. Ein Beispiel? Britische Hausfrauen (und -männer) stapeln Hemden anders als deutsche, nämlich mit den Kragen abwechselnd einmal oben und unten, statt alle Kragen aufeinanderzulegen. Bei einer Anleitung für Bügeleisen sollten die Abbildungen das dann auch widerspiegeln.

Nun gibt es ja eine Fülle von interkulturellen Trainings, Ratgebern, Tipps. Leider verbreiten viele – sagen wir mal gnädig – Halbwahrheiten. Das fällt uns am leichtesten auf, wenn man z. B. einen englischen Ratgeber zu Deutschland befragt. Woran denken wir wenn wir etwas Gelbes sehen? Richtig, natürlich nur an Neid – deswegen nie Gelb für deutsche Logos verwenden. Ob Netto, Uhu und die Gelben Seiten das auch wissen?

(c) Verlag A. Francke

Hans Jürgen Heringer: Interkulturelle Kommunikation

Ein wenig desillusioniert habe ich mich deshalb auf die Suche gemacht nach Informationsquellen, die über platte Rezeptweisheiten hinausgehen. Fündig geworden bin ich bei einem der bekannteren deutschen Linguisten, Hans Jürgen Heringer. Seine Einführung in die interkulturelle Kommunikation ist mittlerweile in der dritten Auflage erschienen. Allein das deutet ja schon auf Qualität. Doch wie hilfreich ist das Buch für Technische Redakteure?

“Interkulturelle Kommunikation” für Technische Redakteure

Nun ja, als ich das Buch aufgeschlagen habe, war ich erst einmal enttäuscht. Knapp die Hälfte des Buchs beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten des Kommunikationsbegriffs. Zumindest die jüngeren Redakteure und diejenigen mit Übersetzer-Hintergrund dürften das schon aus dem Studium kennen. Für alle, die hier noch Nachholbedarf haben, ist das aber eine durchaus gelungene Einführung.

Entschädigt hat mich dann der zweite Teil. Statt simplem Rezeptwissen vermittelt Heringer ein Instrumentarium, mit dem man kulturelle Unterschiede verstehen kann. So zeigt er etwa, in welchen Situationen kulturelle Missverständnisse besonders oft auftreten (Hotspots) und wie man Konzepte erkennt, die eine Kultur für sich als wichtig empfindet (rich points). Dabei versinkt Heringer nicht  im Theoriesumpf, mit einer Fülle authentischer Beispiele macht er die Konzepte unmittelbar erfahrbar.

Das Ganze liest sich denn auch angenehm entspannt; gleichzeitig aber nie plakativ oder oberflächlich. Als Technischer Redakteur wird man mit der Zeit allerdings bedauern, dass die Beispiele ausschließlich aus Gesprächen und sozialen Situationen bestehen. Da hätte man sich gewünscht, ab und zu auch einmal schriftsprachliche Beispiele präsentiert zu bekommen. Andererseits werden in der Interaktion Probleme natürlich schneller offensichtlich. Und so mag es verständlich sein, dass sich Heringer auf die aussagekräftigsten Beispiele beschränkt.

Und nun?

“Interkulturelle Kommunikation” ist mit Sicherheit kein Buch, dass man zu Vorbereitung eines Auslandsaufenthalts lesen sollte, damit man ein paar interkulturelle Fettnäpfchen vermeidet. Wer nach simplem Rezeptwissen sucht, ist hier an der falschen Stelle.

Wer sich aber ernsthaft und eingehender mit Interkulturalität beschäftigen möchte, dem liefert das Buch ein geistiges Rüstzeug an die Hand, mit dem sich interkulturelle Problemstellen leichter identifizieren lassen und interkulturelle Probleme einfacher analysieren. Und das alles auf 240 großzügig bedruckten Seiten, die man bequem einmal nebenbei lesen kann.

Literatur: Heringer, Hans Jürgen [(3)2010]: Interkulturelle Kommunikation, Narr Francke Attempto Verlag Tübingen, ISBN: 978-3-8252-2550-6