Passiv: Liebe auf den zweiten Blick

Passiv - eine Liebesbeziehung? (c) Rainer Sturm / pixelio.de Es gibt Technische Redakteure, die das Passiv scheuen wie der Teufel das Weihwasser. „Verwenden Sie keine Passivkonstruktionen“, lautet ein häufiger Ratschlag, wenn man sich nach Schreibtipps für technische Dokumente umschaut. Auf den ersten Blick gibt es zwar gute Argumente, die diese Haltung untermauern, jedoch lohnt sich eine differenziertere Betrachtung.

Die dunkle Seite

Warum das Passiv nicht nur in der Technischen Dokumentation verpönt ist, lässt sich anhand von zwei Beispielsätzen zeigen:

Aktiv: Der Techniker öffnet das Gehäuse.
Passiv: Das Gehäuse wird (von dem Techniker) geöffnet.

Der Passivsatz hat mindestens zwei große Probleme:

  1. Er ist länger, sperriger und widerspricht damit der grundlegenden Anforderung, möglichst kurze und prägnante Sätze zu formulieren. Dies ist nicht nur eine Stilfrage, sondern wirkt sich auch negativ auf die Einfachheit und damit die Verständlichkeit des Textes aus.
  2. Im Passiv steht nicht der Handelnde (in diesem Fall der Techniker) im Vordergrund, sondern die Handlung (das Entfernen des Gehäuses). Es ist sogar möglich und auch üblich, im Passiv den Handelnden ganz zu verschweigen: „Das Gehäuse wird entfernt.“

Für Handlungsanweisungen oder Sicherheitshinweise ist das Passiv somit tatsächlich ganz und gar ungeeignet. „Schalten Sie die Stromzufuhr aus“ ist einfach präziser, eindringlicher und persönlicher als „Die Stromzufuhr wird ausgeschaltet“. Der Betroffene wird direkt angesprochen und explizit darauf aufmerksam gemacht, dass er derjenige ist, der die Vorsichtsmaßnahme ergreifen bzw. die Handlung ausführen muss.

Die bessere Hälfte: Das Zustandspassiv

Eine Bedienungsanleitung besteht jedoch nicht nur aus Handlungsanweisungen und Sicherheitshinweisen. Da wären zum Beispiel Resultatangaben oder Handlungsvoraussetzungen, bei denen sich das Passiv oftmals nur schwerlich vermeiden lässt. Hierbei kommt jedoch statt dem oben beschriebenen Vorgangspassiv das sogenannte Zustandspassiv zum Einsatz. Zwei Beispiele, um dem Unterschied klarzumachen:

Vorgangspassiv: Das Gehäuse wird geöffnet à Die Vorgang des Öffnens wird beschrieben. Das Passiv wird mit dem Verb werden gebildet

Zustandspassiv: Das Gehäuse ist geöffnet à Es wird das Resultat einer Handlung beschrieben. Das Passiv wird mit dem Verb sein gebildet. Hierbei ist es oftmals ohne Belang, denjenigen zu nennen, der den Zustand hergestellt hat – entweder weil aus dem Kontext heraus klar ist, wer es war, oder weil es einfach irrelevant ist.

Mit Augenmaß schreiben

Jenseits von Handlungsanweisungen und Sicherheitshinweisen macht es jedoch oft auch Sinn, das Vorgangspassiv einzusetzen, z. B. in folgenden Fällen:

  • Wenn es unwichtig oder unbekannt ist, wer eine Handlung durchführt, z. B. bei automatischen Abläufen.
  • Wenn der Fokus nicht auf den Handelnden, sondern auf die Handlung gelegt werden soll.
  • In Funktionsbeschreibungen kann mit sparsamen und gezielt eingesetzten Passivkonstruktionen verhindert werden, dass der Text allzu eintönig wird.
  • Das Passiv kann helfen, direkte thematische Übergänge zwischen zwei Sätzen hinzubekommen: „Das Verfahren erfordert keine Vorkenntnisse. Es kann aber nur durchgeführt werden, wenn…“

Es empfiehlt sich, das Passiv mit Augenmaß einzusetzen. Es gilt also immer, sich Gedanken darüber zu machen, ob das Passiv an der jeweiligen Stelle angebracht und notwendig ist. Wenn das Passiv aus irgendeinem Grund einen eindeutigen Vorteil gegenüber der Aktivformulierung bietet, dann sollte man sich auch nicht scheuen, es entgegen eines zweifelhaften Dogmas einzusetzen.

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