Links, rechts oder geradeaus bei sprachlichen Zweifelsfällen

(c) Hartmut910 / pixelio.deHilfe, da ist es wieder – das nervige Schild mit Fragezeichen, das einen dann ausbremst, wenn man als Schreibender einmal in Fahrt gekommen ist. Wird wieviel zusammen oder auseinander geschrieben? Heißt es Anfang diesen Jahres oder nicht doch Anfang dieses Jahres? Kann man neuerdings sagen: …weil, da hab ich keine Zeit? Jeder sprachliche Vielfahrer steht mitunter vor Straßengabelungen dieser Art, und das auch zu Recht. Also steigen Sie ein, vielleicht kenne ich eine Abkürzung…

Grundausstattung: Rechtschreibung und Grammatik

Erste Hilfe: Einfach im Fahrzeugschein nachschauen. Und sicherlich kann die deutsche Rechtschreibung oder eine Grammatik, z. B. von Duden Sprachzweifel  ins Lot rücken – von den obigen Beispielen etwa das Erste. Wie viel wird laut unserer reformierten Sprach-StVO auseinander geschrieben. Sie haben Ihr Ziel erreicht. Zur Erleichterung: Es gibt wahrscheinlich sowieso niemanden, der die deutsche Rechtschreibung zu 100% beherrscht, was nicht zuletzt den vielen nebenher gültigen Varianten geschuldet ist.

Achtung: Richtgeschwindigkeit!

So einfach ist es nicht immer. Die Unterscheidung zwischen richtig und falsch ist von Natur aus in der gesamten Sprechergemeinschaft als Konvention ausgemacht. So, wie es der Großteil der deutschen Bürger schreibt und sagt, ist es im Prinzip auch richtiger. Meist deckt sich das mit dem, was in den Grammatiken steht, deshalb können wir diese fahrlässig zur Rate ziehen. Manchmal deckt es sich aber eben nicht, weil Sprache verändert sich mit der Zeit – und sie ist den Regelwerken natürlich voraus. Eine Vollbremsung des Sprachwandels ist unmöglich, wir fahren sozusagen auf ewig nur im Windschatten.

Weil der Hauptsatz ist auf der Überholspur

Bekannt (und umstritten) ist beispielsweise der Hauptsatz nach weil. Früher galt, dass die Konjunktion weil einen Nebensatz einleitet: …weil der Hauptsatz auf der Überholspur ist. Mittlerweile hat sich aber die Hauptsatz-Variante (s. Überschrift) als Alternative vor Allem im mündlichen Sprachgebrauch durchgesetzt. Und die hat ihre Daseinsberechtigung – keinesfalls ist es so, dass die Deutschen zu faul für den Nebensatz werden und unsere Sprache gar verfällt, wie Sprachkritiker behaupten. In der Forschung entdeckt man nun, dass diese Konstruktion neue Möglichkeiten eröffnet:

  • Nach dem weil kann so auch ein Frage- oder Ausrufesatz stehen (bzw. alle Satzmodi).
  • Der Satz nach dem weil kann den Grund für die vorhergehende Vermutung liefern (epistemisches weil): Die haben wieder gestritten, weil er ist ganz wütend rausgegangen. Dieses Beispiel müsste man in der Nebensatzvariante umdrehen (faktisches weil): Er ist ganz wütend rausgegangen, weil sie wieder gestritten haben.
  • Das weil kann auch ein sogenannter Diskursmarker sein, also ein Element, dass isoliert (innerhalb von Sprechpausen) geäußert wird und anzeigt, dass ein neuer Erzählabschnitt beginnt.

Neue Route wird berechnet…

War das jetzt eine Abkürzung durch das Labyrinth der sprachlichen Zweifelsfälle? Zumindest wird einem die Reflexion über sprachliche Zweifelsfälle oft ein Wegweiser sein können. Ob man da eher konservativ oder progressiv eingestellt ist, bleibt jedem selbst überlassen. Linguisten geben hierzu meist keine schnellen Antworten, weil sie Sprache beschreiben und nicht vorschreiben. Deshalb werde ich mal aufs Gas steigen: weil + Hauptsatz geht im (ernsthaften) schriftlichen Gebrauch noch nicht. Anfang diesen Jahres m. E. schon. Man sagt hierzu in der Forschung, dass das Demonstrativpronomen diesen sich hin zum Adjektiv (mit der Bedeutung laufend, aktuell) entwickelt und auch so flektiert wird (vgl. Anfang des schönen Jahres).

In diesem Sinne.. gute Fahrt!

2 Gedanken zu „Links, rechts oder geradeaus bei sprachlichen Zweifelsfällen

  1. Da brechen Sie eine Lanze für das weil mit Hauptsatz. Also, mir stellen sich immer alle Haare auf, wenn ich diese Formulierung höre. Und es greift immer weiter um sich. Ich würde es nicht „epistemisch“ nennen, sondern schlicht „epidemisch“.
    Aber damit kann man ja sowieso niemandem mehr imprägnieren, weil das interessiert eh keine S…
    Vielen Dank für diesen Sprachkompass.

    • „weil“ mit Hauptsatzwortstellung

      @Herrn Feldbrügge: Sie haben Recht damit, dass „weil“ + Hauptsatz sich immer mehr auszubreiten scheint. In Realityshows des deutschen Fernsehens sind solche Sätze schon lange im Gebrauch, doch auch Günther Jauch redet so mit seinen potentiellen Millionären, und Sprecher der Tagesschau mit ihren vielen indirekten Gesprächspartnern alias Zuschauern.

      Was tun Günther Jauch & Co. da eigentlich? Verstoßen sie absichtlich gegen die StVO der Deutschen Sprache? Oder fahren sie einfach nach „Gutdünken“ bzw. „mit gesundem Menschenverstand“, wie so viele Autofahrer die täglich auf den Straßen unterwegs sind und von denen der allerkleinste Teil die StVO tatsächlich in allen Details auswendig kennt und befolgt? Wenn eine neue Situation im Straßenverkehr entsteht, deren Regelung noch nicht in der logischerweise immer etwas hinterherhinkenden StVO festgelegt ist, so müssen die Autofahrer ad hoc entscheiden – und stellen so einen Vorschlag zu einer Regel auf. Wenn nun viele Autofahrer diesen Vorschlag als angemessen und für gut befinden, dann kann aus der einmaligen Reaktion eine Standardreaktion und damit eine Regel werden.
      Es ist durchaus möglich, dass die Autofahrer (oder zumindest der Teil der Autofahrer, der die Regel anerkennt und praktiziert) eine ganze Zeit lang (sicher) auf den deutschen (Sprach-) Straßen unterwegs sind und es eine ganze Weile dauert, bis die StVO-Ersteller die neue Regel in ihrem Kodex zumindest erwähnen oder sie sogar darin integrieren. Genauso gut kann es sein, dass sich die neue Regel nicht weiter ausbreitet und im Gegenteil sogar entweder nicht mehr gebraucht oder aus anderen Gründen nicht weiter befolgt wird. Dann besteht auch keine Notwendigkeit mehr, die Regel in die Verkehrsordnung aufzunehmen.

      Ob sich die Regel durchsetzen wird oder nicht, ist nur in (oder „nach“) der Zukunft absehbar und hängt von allen sich auf den Sprachstraßen bewegenden Verkehrsteilnehmern – ob sie das nun bewusst oder unbewusst tun – ab.

      Falls es soweit kommen sollte, dass die neue Regel zum Standard wird und gar nicht mehr als neu sondern als ganz normal wahrgenommen wird, dann wird eher der Verkehrsteilnehmer auffallen, der mit dem Oldie durch die Gegend fährt… oder mit der Pferdekutsche. Solche Gefährte sind ein Highlight für diejenigen, die sich dafür interessieren, „wie es früher einmal war“.

      Also, wenn Sie das nächste Mal in ihr sprachliches Kfz einsteigen und losfahren, achten Sie doch mal auf die älteren Modelle, die Ihnen begegnen. Oder – wenn Sie kreativ sein möchten – versuchen Sie sich vorzustellen, welche Modelle die Zukunft sein könnten… und denken Sie daran, dass diese Modelle nicht aus dem Nichts entstehen, weil: ihre Basis sind immer die Modelle, die es schon gibt, nämlich die der Gegenwart.

      Nochmals Gute Fahrt!

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