Genitiv – quo vadis?

Genitiv - der Deutschen liebster Fall. knipseline / pixelio.de

Genitiv – der Deutschen liebster Fall.
knipseline / pixelio.de

Neulich hat mein Sohn wieder einmal den alten Kalauer bemüht: „Genitiv ins Wasser, es könnte Dativ sein.“ Und mittlerweile wissen wir ja alle, dass es um den Genitiv schlecht steht, denn „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Wirklich?

Genitiv – kein Grund zur Sorge

Wenn es wirklich so wäre, dann hätten wir Grund aufzuatmen. Denn Sätze wie diese würden uns endlich erspart bleiben: „Die Informationen in Bezug auf das Funktionieren des Geräts werden an der Vorderseite des Geräts mit Hilfe eines Informationsdisplays und einer Anzahl von LEDs angezeigt.“ (Aus der Anleitung „Wolf Comfort-Wohnungs-Lüftung CWL-D-150„). Vier mal Genitiv in einem Satz, da muss man sich wohl keine Sorgen machen.

Und tatsächlich: Wörter mit Genitiv sind in den letzten Jahr(zehnt)en insgesamt gesehen wohl eher häufiger geworden. Allerdings nur, wenn sie ein Substantiv ergänzen (d. h. als Attribut). Der Genitiv ist damit ein wesentliches Merkmal für den Nominalstil. Und der gilt ja nicht zu Unrecht als besonders schwer verständlich.

Oder vielleicht doch?

Neben der Funktion als Attribut gibt es aber noch andere Arten den Genitiv einzusetzen und genau hier fällt der Genitiv anteilsmäßig zurück. Manchmal kann der Genitiv nämlich ein eigenes Satzglied bilden, und genau das wird immer seltener. Wie so etwas aussieht? „Sich eines Dinges bemächtigen…“, „eines Vorhabens abhold sein…“, „jemand einer Sache abspenstig machen…“.

Sie merken schon, das klingt alles ein wenig sperrig und sehr antiquiert. Denn der Genitiv verschwindet mit dieser Funktion nicht erst seit kurzem. Im MIttelhochdeutschen war der Genitiv als eigenständiges Satzglied noch vergleichsweise häufig, seitdem sinkt sein Anteil aber kontinuierlich.

Man kann es natürlich bedauern, wenn hier eine grammatische Form verschwindet. Aber das ist ein normaler Effekt des Sprachwandels – die Sprecher einer Sprache strukturieren diese permanent um, vereinfachen sie, erweitern sie, kurz passen sie an ihre Bedürfnisse an. Mit der Zeit gewöhnt sich die Sprachgemeinschaft an diese Änderungen und betrachtet den jeweils aktuellen Zustand der Sprache als normal. Ich bin mir sicher, auch bei den alten Germanen gab es schon Leute, die sich darüber beschwerten, dass die Jugend keinen korrekten Dual mehr bilden kann. Heute fordert ihn keiner zurück, genauer gesagt, keiner der Sprecher germanischer Sprachen. Im Arabischen ist der Dual dagegen ein wichtiges Merkmal der gehobenen Sprache.

Was tun?

Wie also umgehen mit dem Genitiv? Veraltet oder umständlich – da muss man eigentlich nicht lange überlegen. Wünschenswert ist für das berufliche Schreiben eigentlich keines von beidem. Deshalb lohnt es sich auch nicht darüber zu klagen, dass der Dativ den Genitiv (angeblich) verdrängt. Stattdessen sollten wir zu viele Genitive eher als Warnzeichen betrachten, dass unser Text vielleicht doch nicht so ganz in Ordnung ist.

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