Formulare, die nicht nerven

 Dieter Schütz / pixelio.de

Dieter Schütz / pixelio.de

„Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare“ ächzt der Volksmund. Und tatsächlich sind Formulare fast überall zu finden;  denn sie sind ein wichtiges Hilfsmittel, um Standardprozesse effizient zu gestalten.

Warum erhalten Formulare dann aber so wenig Aufmerksamkeit? Vielleicht, weil Herausforderungen auf ganz verschiedenen Ebenen zu bewältigen sind. Es lohnt sich aber, diese Herausforderungen anzugehen. Denn beim Optimieren von Kommunikationsprozessen, stellen wir immer wieder fest, dass Formulare eine wichtige Stellschraube für reibungslose Abläufe sind.  Deshalb hier sechs Tipps für bessere Formulare.

1. Gestaltgesetze beachten

Die Gestaltgesetze der Wahrnehmung sind die Basis für eine ergonomische Gestaltung von Formularen. Sie geben eine Richtschnur wie sich die Zusammengehörigkeit (bzw. Trennung) von Informationseinheiten optisch gut markieren lässt. Clever angewendet wird es dann auch möglich, das starre „Block- und Felder“-Design vieler Formulare aufzubrechen und dem Benutzer durch eine luftigere Gestaltung den Zugang zum Formular zu erleichtern.

2. Verständlich schreiben

Verständlichkeit spielt natürlich auch bei Formularen eine Rolle. Hier ist die Situation aber sogar noch schwieriger als in anderen Sachtexten, denn in Formularen ist Platz Mangelware. Oft bliebt dann keine andere Wahl, als mit Substantivierungen auf Redundanz zu verzichten. Gerade dann ist aber Feingefühl gefragt, damit den Benutzern nicht wichtige Zusammenhänge entgehen. Das gleiche gilt für Abkürzungen: Sind sie wirklich allgemein verständlich? Ohne Test bei der Zielgruppe ist das meist nur schwer zu entscheiden.

3. Begriffe einheitlich verwenden

Einen Aspekt der verständlichen Sprache möchte ich hier besonders erwähnen. Formulare müssen terminologisch konsistent sein. Und zwar innerhalb des Formulars aber auch zwischen verschiedenen Formularen desselben Herausgebers. Stilistische Variation hat in Formularen nichts zu suchen; sie führt stattdessen zu Verwirrung bei den Benutzern und erhöht dadurch die Bearbeitungszeiten.

4. Vertrauen herstellen

Ob und wie Formulare bearbeitet werden, hat viel mit Vertrauen zu tun. Nicht immer ist deshalb eine besonders schicke Gestaltung für ein Formular sinnvoll. Eine zurückhaltende, seriöse Gestaltung kann dem Benutzer signalisieren „Hier sind deine Daten gut aufgehoben, hier werden sie professionell behandelt.“ Zur Seriosität tragen aber auch die sprachliche Gestaltung bei, z. B. die Form der Ansprache oder explizite Datenschutzhinweise und Kontaktangebote.

5. Prozesslogik einhalten

Formulare sind in zweifacher Weise an Prozesse gebunden: Zum einen an inneren Ablaufplan des Formulars (Welche Fragen werden in welcher Reihenfolge beantwortet? Wo gibt es Weichen? Wo Alternativen?). Mindestens ebenso wichtig sind aber die Arbeitsprozesse, in die das Formular eingebunden ist. Wenn der Benutzer eine Information nachschlagen muss oder wenn er in einem Arbeitsprozess an eine andere Maschine oder in einen anderen Raum wechselt, dann sind dies Sollbruchstellen, bei denen es vermehrt zu Fehlern und Abbrüchen der Bearbeitung kommt.

6. Formularprozesse aufbauen

Der letzte Tipp hat weniger mit Gestaltung und Inhalt der Formulare zu tun als damit wie die Formulare entstehen. Denn gar nicht so selten gibt es keine expliziten Verantwortlichen für die Formulare in einem Unternehmen oder einer Behörde. Die Formulare entstehen fallweise, es gibt nur einen losen Gestaltungsrahmen, die Abläufe beim Erstellen eines Formulars müssen immer wieder von Neuem erfragt werden und niemand bündelt das Feedback, das im Unternehmen oder der Behörde zu den Formularen ankommt. Kein Wunder, wenn unter diesen Bedingungen Formulare alle nerven: Ersteller wie Bearbeiter.

Zu guter Letzt interessieren mich noch Ihre Erfahrungen mit Formularen: Was hat Sie positiv überrascht? Wo verzweifeln Sie regelmäßig? Und wann erstellen Sie selbst Formulare? Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare.

Was meinen die eigentlich mit „demnach“?

Minus gibt "demnach mehr? (c) Thorben Wengert / pixelio.de

Minus gibt „demnach“ mehr?
(c) Thorben Wengert / pixelio.de

In letzter Zeit sind mir immer wieder Texte aufgefallen, in denen das Wort demnach „irgendwie seltsam“ verwendet wird. Ein schönes Beispiel habe ich da gestern auf Spiegel online entdeckt: „Trotz Zuwanderung sinke die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2016 noch einmal leicht um 60.000 Menschen, errechneten die Forscher. 2017 werden demnach 290.000 Menschen mehr als derzeit ohne Job sein.“ (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/brexit-votum-kostet-deutsche-wirtschaft-2017-halbes-prozent-wachstum-a-1100291.html). Was läuft da verkehrt? Und habe ich Recht mit meinem „semantischen Unbehagen“?

Demnach und demnach – ein Wort, (bald?) zwei Bedeutungen

Sehen wir uns also einmal die Bedeutung von „demnach“ an. Das Wortschatzprojekt der Uni Leipzig nennt folgende Synonyme: „woraus, somit, logischerweise, hinterher, folglich, demzufolge, dementsprechend, danach, also, alsdann, mithin, jedenfalls, folglich, darauf, somit“. Mit „demnach“ zieht man also eine Schlussfolgerung – soweit, so einfach.

Interessant in der Leipziger Synonymliste sind für mich aber besonders zwei Einträge: „demzufolge“ und „dementsprechend“. Die heißen nämlich nicht nur „folglich“, sondern manchmal auch „sagt diese oder jene Quelle“; allerdings im Normalfall dann eher als Wortgruppe: „Den Berichten unserer Korrespondenten zufolge…“ Oder: „Entsprechend der Angaben der befragten Zeugen…“

Demnach und demnach – im Konflikt

Und hier zeigt sich auch, wo die Fahrt hingeht für „demnach“. Denn immer öfter sieht man das Wort, um eine Quelle zu zitieren. Im Prinzip ganz analog zu „demzufolge“ und „dementsprechend“: „Nach der aktuellen Konjunkturprognose des IMK …“. Blöd nur, wenn so eine konkrete Wortgruppe mit „demnach“ verkürzt wird und die zitierte Quelle nicht unmittelbar zuvor genannt wird. Der Bezug geht verloren und „demnach“ kann als Schlussfolgerung interpretiert werden. So wie in dem Spiegel-Beispiel weiter oben: Dann wird aus einem Minus von 60.000 ganz zwangsläufig ein Plus von 290.000.

Technisches Marketing

Technik - einfach, verständlich, marktfähig

Technik – einfach, verständlich, marktfähig?

„Technisches Marketing“ taucht zurzeit immer häufiger als Schlagwort auf. Aber was ist eigentlich Technisches Marketing? Sollte Marketing nicht unabhängig vom Produkt funktionieren? Und wenn nicht, worin unterscheidet sich Technisches Marketing von anderen Marketing-Angeboten? Wir haben uns den Trend einmal näher angesehen.

Mehr Klarheit im Technischen Marketing

Technisches Marketing wird an einigen Hochschulen als Studiengang oder Unterrichtsinhalt angeboten. Daneben taucht der Begriff seit einiger Zeit auch in unserer Branche Technische Kommunikation auf z. B. als Fokustag Technisches Marketing. Sieht man genauer hin, dann fällt auf, dass es sich hier um zwei unterschiedliche Sichtweisen handelt: Bei den universitären Angeboten ist Technisches Marketing ein Element der Produktentwicklung. Innerhalb der Technischen Kommunikation ist es eine Form des B2B-Marketing für erklärungsbedürftige technische Produkte.

Bei doctima haben wir von Anfang an Marketing und Dokumentation als ergänzende Disziplinen gesehen (z. B.: Aufsatz von 2002 in technische kommunikation – Paywall; doctima-Blogpost ). Kein Wunder also, dass auch wir Technisches Marketing umfassend als spezielle Form des allgemeinen Marketing verstehen. Und wir uns freuen, wenn auch die Branche langsam Marketing als Arbeitsgebiet für sich entdeckt.

Was ist besonders im Technischen Marketing?

Wie schon gesagt, Technisches Marketing hat zwei Besonderheiten: Es handelt sich um erklärungsbedürftige technische Produkte und die Zielgruppe sind Geschäftskunden bzw. Experten.

Daraus ergeben sich einige Konsequenzen, die das Technische Marketing zu einer besonderen Disziplin machen:

  1. Argumentationen im Technischen Marketing sind nutzenorientiert, emotionale Aspekte spielen eine vergleichsweise geringe Rolle.
  2. Dem Marketeer muss es deshalb schnell gelingen, anhand von technischen Daten und Entwicklungsdokumenten die Produktfunktionalitäten und den Produktnutzen herauszuarbeiten und aus Anwendersicht darzustellen.
  3. Technisches Marketing bewegt sich immer in einem Rahmen in dem rechtliche Anforderungen und Arbeitsschutz eine wichtige Rolle spielen.
  4. Fachkräftemangel ist in technischen Berufen ein akutes Problem. Employerbranding und Personalmarketing ist deshalb ein wichtiger Bestandteil des Technischen Marketing.

Wie arbeitet Technisches Marketing?

Natürlich lässt sich in einem kurzen Blogpost nicht komplett zeigen, was die Arbeit im Technischen Marketing besonders macht. Anhand von zwei Beispielen will ich aber einmal einen kurzen Eindruck geben: grafische Gestaltung und Social Media.

Spricht man mit Fachexperten, so bekommt man manchmal zu hören: „Das muss gar nicht designt werden, das lesen danach sowieso nur Fachleute. Die wollen das nicht hübsch und bunt.“ Und in einem gewissen Sinn haben diese Leute auch recht: Eine zu emotionale Gestaltung kann auch für technische Fachexperten abschreckend oder unseriös wirken. Sollte man deshalb auf Design komplett verzichten? Beobachtet man technische Fachexperten, so merkt man schnell, dass sie gut gestaltete Unterlagen durchaus wertzuschätzen wissen. Für die Gestaltung ist das ein Dilemma: Schick aber irgendwie doch nicht? Die Lösung liegt hier in einem funktionalen Gestaltungsansatz. Der Designer verzichtet möglichst auf Zierelemente. Stattdessen liegt der Fokus auf der bestmöglichen Unterstützung der Usability durch Gestaltungselemente. Ergibt sich daraus ein harmonisches Gesamtkonzept, dann trägt eine „schicke“ Gestaltung auch bei technischen Fachexperten zur Kaufentscheidung bei.

Social Media halten manche Industrieunternehmen für eine Modeerscheinung, die mit technischen Produkten wenig zu tun hat. Tatsächlich ist Social Media aber für Technisches Marketing ein wichtiges Werkzeug: Denn im Gegensatz zum klassischen Push-Marketing steht in den sozialen Medien der Kundennutzen im Vordergrund – ein Blickwinkel, der Technikern besonders nahesteht. Das heißt natürlich nicht, dass sich ein Industrieunternehmen nur bei Facebook eine Seite anlegen muss und damit ist es dann gut. Social Media Marketing für erklärungsbedürftige Produkte braucht eine ausgefeilte Strategie: Zielgruppen, Kommunikationsinhalte und vor allem geeignete Plattformen müssen identifiziert werden, damit Technisches Marketing in Sozialen Netzwerken Erfolg hat. Oft steht im Technischen Marketing deshalb ein Blog im Mittelpunkt des Social-Media-Engagements, daneben meist auch weniger bekannte Branchen-Plattformen wie Entwicklerforen.

Technisches Marketing – alter Wein in neuen Schläuchen?

Technisches Marketing ist mehr als ein Schlagwort. Es ist die gezielte Anwendung von bewährten Marketingmethoden auf ein Arbeitsfeld, das bisher im Marketing nur eine begrenzte Rolle gespielt hat. Daneben kommen Erkenntnisse und Methoden aus der Technischen Kommunikation zum Einsatz. Technische Redakteure bringen dabei zwei Vorteile mit: 1. Sie sind von Haus aus daran gewöhnt, den nutzenorientierten Blickwinkel einzunehmen, der für Technisches Marketing entscheidend ist. Und 2. Ihre Kernkompetenz ist es, erklärungsbedürftige Produkte zu analysieren und auf den Punkt zu bringen. Technisches Marketing ist deshalb mehr als ein neuer Hype-Begriff; es wird in der Zukunft sogar noch eine deutlich größere Rolle spielen als bisher.

Wie man technische Vokabeln lernt: „the egg-laying wool-milk-pig“

Technische Vokabeln - der weiße Wal des SprachlehrersBei uns ist heute Dave Willenberg zu Gast. Er ist Sprachtrainer für Technisches Englisch und zeigt uns, wie man am besten Fachvokabeln lernt. Und so viel sei vorab schon verraten: Inhalte im Kontext zu vermitteln, hat sich auch in unseren Seminaren immer wieder bewährt.

Was bereitet dir im technischen Englisch am meisten Schwierigkeiten, insbesondere bei deiner Arbeit oder deinem Studium?“ Diese Frage stelle ich jedem neuen Abonnenten von Vorsprung durch Sprache – ein Newsletter über technisches Englisch als Fremdsprache, den ich monatlich schreibe.

Ich selbst bin Ingenieur – und nicht so ein gerissener Marketingexperte wie Leute aus der Serie Madmen.

Trotzdem pflege ich eine Excel-Tabelle mit Informationen über die Antworten, die ich erhalte. All die digitalen „Marketing-Gurus“ sagen das sei wichtig, also habe ich ihren Ratschlag befolgt, als ich anfing meinen Newsletter zu schreiben.

Wie sich herausgestellt hat, ist Marketing-Analyse viel schwerer für mich als erwartet. Damit meine ich nicht das Konzept an sich – ich werde nur immer von den Mustern, die ich in der von mir verwendeten Sprache finde, abgelenkt.

Schließlich führe ich ein Geschäft in einer Fremdsprache. Zwar stammt der Großteil meiner Deutschkenntnisse aus dem Umgang mit anderen Menschen (siehe: Kneipe), aber woher soll ich wissen, dass eine Begrüßung der neuen Abonnenten mit „Ahoi“ zu einer 16 % höheren Antwortrate führt als die Begrüßung mit „Moinsen“?

Du hast richtig gehört:

16 % mehr Leute antworten und sagen mir genau, wie ich ihnen am besten helfen kann technisches Englisch zu lernen…

wenn ich wie ein Pirat rede.

Als Fan von beidem, Sprache und Piraten, ist das natürlich toll.

Die Antwort, die ich normalerweise bekomme, ist aber nicht so toll…

In 63 % der Fälle sagen mir die neuen Abonnenten, dass sie mit der einen Sache zu kämpfen haben, bei der ich ihnen im Grunde gar nicht helfen kann: technisches Vokabular.

Nennt mich Ismael

Ich unterrichte jetzt ungefähr seit 7 Jahren technisches Englisch und es ist immer noch lustig zu sehen, wie meine Schüler reagieren, wenn sie mich nach der besten Vorgehensweise für das Lernen von technischem Vokabular fragen und ich ihnen antworte:

Lasst es einfach.

Noch viel lustiger ist, wenn die Personalleiter oder Personalentwickler eines potenziellen Neukunden mich bitten eine Liste mit Vokabeln zu erstellen, die ich ihren Ingenieuren beibringen möchte.

Sie alle erhalten ein nachdrückliches „Nein“ als Antwort, gefolgt von Stille und festem Augenkontakt, bis ich mir ein Lächeln nicht mehr verkneifen kann. Unbezahlbar…

Und dann erkläre ich natürlich den Grund dafür:

Technisches Vokabular ist für Sprachtrainer wie mich der Moby Dick der Lehrmethoden.

Wenn es um das einfache ‚X in English = Y auf Deutsch’ geht, gibt es weder eine gute Methode für mich dir Vokabular beizubringen, noch eine universell effektive Vorgehensweise es zu lernen.

Natürlich hält mich das nicht davon ab, die mystische eierlegende Wollmilchsau des Lernens von technischen Wörtern zu suchen. Ich teste stets neue Trainingsmethoden, weil ich A.) sonst ein schlechter Lehrer wäre und B.) Hey, man weiß ja nie

Aber immer wieder zeigt sich mir, dass sich das Vokabular meiner Ingenieure am effektivsten stärken lässt, wenn man das Ganze gar nicht erst zum Thema macht und sich einfach auf alle anderen Aspekte des technischen Englisch und der Kommunikation konzentriert.

Anders gesagt: Man bringt den Leuten am besten neue Wörter bei, indem man ihnen gar keine neuen Wörter beibringt.

Das hört sich verrückt an? Vielleicht – aber einem Techniker ist das egal, denn es funktioniert.

Ich zeige dir, wie das geht:

Der Kontext ist König

Eine effektive Komponentenbeschreibung ist zum Beispiel für jede Art von Ingenieur eine wichtige Kommunikationsfähigkeit, also widme ich der Kunst des klaren und prägnanten Beschreibens physischer Charakteristiken oft eine ganze Unterrichtsstunde.

Ich definiere immer das Grundprinzip und erkläre zuerst einige Schlüsselpunkte, aber ich halte nicht viel von Belehrungen und bevorzuge „learning by doing“. Also gebe ich am Anfang allen Ingenieuren der Gruppe die Aufgabe, eine technische Komponente zu beschreiben, mit der sie arbeiten.

** Aufgepasst: Man muss die Wörter im folgenden Beispiel nicht kennen! Wenn das Ingenieurwesen also nicht dein Ding ist, ist hier ein simpler Trick: Ersetze einfach „gasisolierte Schaltanlage” mit „Eisbecher” und den Rest der technischen Wörter mit „Eiscreme”, „Schokolade”, „Streusel” etc.!

Folgendes passiert Ingenieuren mindestens einmal, wenn nicht sogar mehrmals:

Ein Elektroingenieur fängt zum Beispiel an, seine Beschreibung einer gasisolierten Schaltanlage zu schreiben. Er arbeitet jeden Tag damit, also kennt er die englischen Wörter für Komponenten wie Strommschiene, Sicherung und Kurbelgehäuse bereits. Aber plötzlich kommt er beim Schreiben ins Stocken…

…weil er das englische Wort für Schwefelhexafluorid nicht kennt.

Bingo.

Also fragt der nach der englischen Übersetzung und entweder ich oder ein anderer Ingenieur der Gruppe gibt ihm dann den Begriff ‚sulfur hexafluoride’. Anschließend verwendet er sofort das neue Wort in seiner Beschreibung und wenn er fertig ist, mache ich mir eine kleine Notiz für die nächste Stunde. Dort frage ich dann nach den Vorteilen und Nachteilen von SF6 und CO2 als Isoliergase.

Ein einfaches System

Wenn ich mich in der Unterrichtsstunde aus dem oben genannten Beispiel nur darauf konzentrieren würde, den Ingenieuren Vokabular für Schaltanlagen beizubringen, so würde ich den Großteil der Zeit damit verschwenden Wörter zu lehren, die bereits bekannt sind. Und wie übt man mit den Wörtern? Da gibt es nicht viele gute Optionen und viel zu viele Sprachtrainer greifen leider auf Dinge wie Arbeitsblätter und alberne Gedächtnisspielchen zurück.

Wenn man sich aber auf die kontextuelle Anwendung konzentriert, kommen mit ziemlicher Sicherheit unbekannte Begriffe auf, die identifiziert, definiert und sofort angewendet werden können.

Wie bereits erwähnt, ist mir bisher noch keine andere Methode untergekommen, die effizient genug wäre, um meinen inneren Ingenieur zufriedenzustellen.

Aber hier ist das Beste an der Sache:

Du brauchst keinen Ingenieur als Englischlehrer, um mit dieser Methode zu lernen. Du brauchst eigentlich überhaupt niemanden.

Du musst nur ein Wörterbuch zur Hand nehmen und dir die richtigen Fragen stellen.

Nächsten Monat werde ich ein System veröffentlichen, das ich entworfen habe und welches Ingenieuren helfen soll, technisches Englischvokabular durch kontextuelle Anwendung zu identifizieren, zu lernen und zu üben.

Und das Ganze funktioniert für alle technischen Komponenten, alle Prozesse und alle Bereiche des Ingenieurwesens. Es fehlt nur noch der letzte Schliff…

Trotzdem ist hier schon einmal ein kleiner Vorgeschmack für die Leser von doctima – das gesamte System konzentriert sich auf vier Schlüsselfragen:

  1. Aus was ist es gemacht?
  2. Wie funktioniert es?
  3. Was ist nötig, damit es funktioniert?
  4. Was musst du wissen, um es benutzen zu können?

Das sollte für den Anfang reichen, aber behalte den Blog Vorsprung durch Sprache im Auge, um die große Enthüllung nicht zu verpassen!

Du kannst mich gerne per Twitter oder Facebook kontaktieren, wenn du irgendwelche Fragen hast.

Am wichtigsten ist aber: Never stop learning.

 

David WillenbergDave Willenberg, LEED AP ist im Herzen Baumeister und Lehrer von Beruf. Er stammt aus Detroit und ist 2009 nach Hamburg gezogen. Seine Firma, Detroit Technical English, bietet Training für technisches Englisch und Kommunikation für Ingenieure, Geschäftsleute und Wissenschaftler in Firmen in ganz Deutschland an. Dave lehrt an der Hamburg University of Applied Science und schreibt den deutschsprachigen Blog “Vorsprung durch Sprache“.

Un-Sinn mit Un-Kosten

Die "Un"kosten müssen weg ... (c) photosteve101

Die „Un“kosten müssen weg …
(c) photosteve101

„Unkostenbeiträge gibt es nicht,“ höre ich immer wieder von Leuten, die sich mit Geld ganz genau auskennen. Manche, wie Oliver in dieser Diskussion bezeichnen das Wort sogar als „verbale Missgeburt“.

Die Begründung für diese Ablehnung erscheint im ersten Moment logisch: Unkosten sind ja auch Kosten, deshalb die Verneinung durch „Un-“ verkehrt und dient dazu, die „wahren“ Hintergründe zu verschleiern. Das hört sich im ersten Moment ja auch überzeugend an. Dahinter steckt aber ein sprachliches Missverständnis. Denn das in „Un-“ in „Unkosten“ will gar nichts verneinen.

Eine Vorsilbe – zwei Bedeutungen

„Un-“ als Verneinung kennen wir alle. Es ist eine der häufigsten Vorsilben im Deutschen und bildet Substantive („Unverstand“, „Ungeschick“, Ungeist“), gelegentlich beteiligt sie sich bei der Bildung von Verben („verunzieren“, „verunstalten“); am häufigsten aber bildet sie Adjektive („unschön“, „ungebildet“, „unbunt“). „Un-“ als verneinende Vorsilbe ist produktiv, das heißt auch heute noch werden damit neue Wörter gebildet (z. B. „uncool“).

Daneben gibt es aber eine weitere Bedeutung dieser Vorsilbe, die heute nicht mehr produktiv eingesetzt wird. Denn für eine kleine Menge Wörter (und soweit ich das sehe nur bei Substantiven) gibt es ein „Un-“ mit einer Sonderbedeutung. Es meint dann „eine große Menge von“. Beispiele dafür sind „Unmenge“, „Unflat„, „Ungewitter“ und eben auch „Unkosten“. Besonders schön sieht man diese Doppeldeutigkeit von „Un-“ bei dem Wort „Untiefe„. Das kann nämlich sowohl „eine flache Stelle im Wasser“ bedeuten (das verneinende „Un-„), als auch „eine besonders tiefe Stelle“ (das steigernde „Un-„).

„Un-“ ist manchmal mehr

Dass auch bei „Unkosten“ dieses steigernde „Un-“ gemeint ist, merkt man auch an dem Kontext in dem das Wort verwendet wird. Denn dann geht es oft darum zu betonen, dass die Kosten besonders hoch sind, z. B. „sich in Unkosten stürzen“.

In der zweiten, steigernden  Bedeutung wird „Un-“ heute allerdings nicht mehr produktiv eingesetzt; neue Wörter werden damit nicht gebildet. Und die wenigen, die sich mit dieser Bedeutung erhalten haben, wirken oft ein wenig altmodisch oder werden, wie „Unkosten“ nicht mehr richtig verstanden. Aber eine „Missgeburt“ sind diese Wörter deshalb noch lange nicht.

Wort oder Fachwort?

Bauteile "immer" oder "nur" auf ebenen Unterlagen befestigen?

Bauteile „immer“ oder „nur“ auf ebenen Unterlagen befestigen?
(c) Petra Dirscherl / pixelio.de

Wenn ich nicht gerade meinem Job bei doctima nachgehe oder hier blogge, betreue ich bei der tekom ein Expertenforum zu Sprachthemen rund um die Technische Dokumentation. Dort kam letzte Woche eine interessante Frage auf, die ich hier noch einmal ausführlicher beleuchten möchte. Denn sie zeigt ein paar Dinge darüber, wie Wörter „funktionieren“ und wo es sich lohnt, Dinge zu standardisieren (oder nicht).

„Immer“ oder „nur“?

Worum ging es nun konkret. Ein Nutzer des Forums hatte darum gebeten, die Bedeutung von „immer“ und „nur“ möglichst eindeutig – „quasi mathematisch“ – zu definieren. Das klingt zunächst einmal einfach. Wo das Problem liegt, merkt man an den beiden Beispielsätzen, die er zur Erklärung mitgebracht hatte:

  1. „Das Bauteil immer auf ebenen Unterlagen befestigen.“
  2. „Das Bauteil nur auf ebenen Unterlagen befestigen.“

Hier braucht man eine eindeutige Lösung. Sonst führen die unterschiedlichen Formulierungsvarianten zu Verwirrung bei den Lesern.

Bedeutung und Deutung

Die beiden Beispiele machen klar: Auf den ersten Blick sind „immer“ und „nur“ recht verschieden. Sie haben aber einen gemeinsamen Bedeutungskern. Ich will diesen Bedeutungskern einmal abstrakt als „Ausschließlichkeit“ bezeichnen. Bei „nur“ ist diese Bedeutung offensichtlich, bei „immer“ ein wenig vermittelter. Hier ist die zeitliche Bedeutungskomponente im Vordergrund; der Aspekt „Ausschließlichkeit“ ergibt sich dadurch, dass das Wort „zu jeder Zeit“ bedeutet, also keine Ausnahme zulässt.

Fazit: „immer“ und „nur“ sind in diesem Kontext Synonyme, die lediglich eine ganz leichte Bedeutungsschattierung transportieren. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen „immer“ fokussiert eher auf den Prozess, „nur“ eher auf das Produkt bzw. den Einzelfall. Reicht das als Erklärung? Ist das die Lösung für dieses Standardisierungsproblem?

Spannend?

Die Antwort dazu gebe ich weiter unten. Zuvor möchte ich ein wenig in die Theorie abschweifen. Denn spannend an dem „immer“/“nur“-Problem finde ich nicht nur die Bedeutungsdiskussion. Fast noch interessanter ist das – Achtung Theorie! – semantische Modell, das hinter dieser Frage bzw. Sicht auf die Wortbedeutung ergibt. Kann es sein, dass Wörter ihre Bedeutung je nach Kontext verändern? Kann es sein, dass bestimmte Aspekte der Wortbedeutung je nach Kontext ein- und ausgeblendet werden. Und was ist dann eigentlich die Bedeutung eines Wortes?

Viele von uns gehen intuitiv davon aus, dass jedes Wort eine klar umrissene Bedeutung besitzt, die sich zumindest prinzipiell in einzelne Bedeutungsbestandteile zerlegen lässt. „Mutter“ ist „direkter Vorfahr“ und „weiblich“ (mal abgesehen von „Schraubenmutter“ und ähnlichen Homonymen). So ähnlich mache ich das oben auch, wenn ich als Bedeutungselement der beiden Begriffe „Ausschließlichkeit“ isoliere. Diese Sicht auf die Wortbedeutung nennt man Merkmalssemantik.

Tatsächlich sind Wörter in ihrer Bedeutung aber gar nicht so fix, wie wir das glauben. Vielmehr besitzen sie einen Bedeutungskern, der nach außen hin aufweicht und nur fallweise aktualisiert wird. Das ganze nennt sich Prototypensemantik und ist mittlerweile durch psycholinguistische Experimente gut belegt. Allen, die sich gerne genauer damit beschäftigen möchten, empfehle ich die Magisterarbeit „Merkmalssemantik vs. Prototypensemantik. Anspruch und Leistung zweier Grundkonzepte der lexikalischen Semantik“ von Philipp Overbeck. Viele empfinden diese sprachliche Uneindeutigkeit, wie sie die Prototypensemantik beobachtet und erklärt, übrigens als unbefriedigend. Tatsächlich ist sie aber die Voraussetzung dafür, dass wir Sprache flexibel und kreativ verwenden und auf neue Sachverhalte und Ideen flexibel reagieren können.

Ein Fall für die Terminologie?

Dass die Prototypensemantik mit ihren Theorien wohl nicht ganz daneben liegt, zeigt ausgerechnet die Terminologiearbeit im Unternehmen. Denn durch die Definition von Termini bzw. Fachwörtern (Terminus ist das Fachwort für „Fachwort“) verleihen wir Wörtern eben den fixen Bedeutungskern, den sie als alltagssprachliches Wort nicht haben. Wir müssen also Aufwand betreiben, um Wörter passend für die Merkmalssemantik zu machen.

Ist es nun sinnvoll, die Bedeutung von „immer“ und „nur“ terminologisch exakt zu klären? Ich denke nein, denn ein wichtiger Aspekt eines Fachworts ist, dass es für den Leser leicht als solches erkennbar ist. Typische Fachwörter sind a) Fremdwörter, b) selten und c) vergleichsweise lang:

  • „Redux-Oxygenator“ erkennen wir sofort als Fachwort (obwohl ich das Wort gerade eben erfunden habe und auch nicht weiß was es bedeutet).
  • „Einbruch“ würden wir nicht als Fachwort einschätzen (obwohl das durchaus ein Terminus in der juristischen Fachsprache ist).

„Immer“ und „nur“ – das ist, denke ich, klar – sind so schlecht als Fachwörter erkennbar, wie es nur geht. Wenn wir die Bedeutung von „immer“ und „nur“ nun also merkmalssemantisch unterscheiden und fixieren wollten, müssten wir deshalb sehr, sehr deutlich machen, dass diese Wörter hier Fachbegriffe sind und als solche verstanden werden sollen. Von alleine würde ein Leser nicht auf die Idee kommen, hier ein Fachwort zu vermuten.

Was also tun?

Grundsätzlich ist es zwar möglich, die beiden Bedeutungen zu unterscheiden. Fragt sich nur, was dadurch gewonnen ist. Denn die Krux in dem Beispiel liegt ja darin, dass die beiden Begriffe fast gleichbedeutend sind. Die Bedeutungsschattierungen, die „immer“ und „nur“ transportieren, sind in diesem Kontext eigentlich irrelevant, sozusagen eine Geschmacksfrage.

Bleibt das Verwirrungspotenzial, wenn beide Begriffe nebeneinander verwendet werden. Und das ist tatsächlich vorhanden. Es ist durchaus vorstellbar, dass ein Leser versucht einen (nicht beabsichtigten) Sinn zu finden, warum ähnliche Sachverhalte unterschiedlich formuliert sind und er dadurch verwirrt wird.

Die Lösung des Ganzen ist letzten Endes recht einfach: Statt den Sinn genau abzugrenzen, würde ich mich in diesem Fall auf eine Variante (egal welche) beschränken und nur noch diese verwenden. Dadurch sind Missverständnisse ausgeschlossen und der Leser wird von semantischen Details verschont.

Feiner Stil bei den Juristen

Tina Hildebrand: Juristischer Gutachtenstil - Cover (c) A. Francke Verlag

Tina Hildebrand: Juristischer Gutachtenstil – Cover
(c) A. Francke Verlag

Juristische Gutachten sind ja so Texte, mit denen wir Laien eher selten in Berührung kommen. Und auch als Fachredakteur hat man damit kaum zu tun. Warum sollte man sich also ein Buch dazu näher ansehen? Das habe ich mich zunächst gefragt, als ich auf Tina Hildebrands „Juristischer Gutachtenstil“ gestoßen bin.

Stilistik als Denkschule

Aber oft lernt man ja mehr, wenn man einmal in die Ferne schweift. Und so lohnt es sich, auch einmal „fremde“ Textsorten zu betrachten und zu prüfen, was sich auf die eigene Arbeit übertragen lässt. Und ich muss sagen: Weiterlesen

Fachwort oder Fachjargon?

Kommunikativ ins richtige Fach gegriffen?

Kommunikativ ins richtige Fach gegriffen?
Gabi Schoenemann / pixelio.de

Neulich im Workshop „Verständlich Schreiben“. Ein Teilnehmer erklärt mir: „Bei uns in der Behörde ist ja ganz vieles fachlich exakt geregelt; da hat jedes Wort eine genau definierte Bedeutung. Das kann man gar nicht anders schreiben. Zum Beispiel ‚Ich gebe mithin zu bedenken, …'“ Doch halt! Ist das wirklich Fachsprache? Klar, fachlich ist der Satz auf jeden Fall. Wir erkennen sofort, dass das ein Weiterlesen

Ngram und Du

Pinocchio

Wenn die Daten lügen…
(c) doctima, E. Hellfritsch

Im letzten Teil unserer kleinen Ngram-Reihe möchte ich noch auf ein paar Punkte bei der Interpretation von Ngram-Ergebnissen eingehen. Denn, wenn man nicht aufpasst, lassen sich auch aus richtigen Ergebnissen die falschen Schlüsse ziehen. Und leider lässt sich Ngram nicht an der Nasenspitze ablesen, ob die Ergebnisse lügen.

Vorhanden heißt nicht (unbedingt) korrekt

Nur weil sich Begriffe in einem Korpus finden lassen, heißt das nicht, Weiterlesen