Verständlichkeit – wissenschaftlich und praktisch

„verständlich kommunizieren“ an der Hochschule Luzern

Verständlichkeit ist bei uns ja eines der Kernthemen. Dass sich dazu auf wissenschaftlicher Seite leider weniger tut, als wir uns wünschen, habe ich im doctima Blog schon beklagt. Umso mehr hat mich gefreut, dass mich Sascha Demarmels vor kurzem auf ihr Blog an der Hochschule Luzern aufmerksam gemacht hat. Unter dem Titel verständlich kommunizieren bloggt ihre Arbeitsgruppe zu verschiedenen Themen rund um die Verständlichkeit – aus wissenschaftlicher Sicht wie auch in der praktischen Anwendung.

Leider sind die meisten Posts schon ein wenig älter. Das nimmt den Beiträgen zwar nicht ihren Wert (Verständlichkeit ist ja kein Hype-Thema, das man tagesaktuell verfolgen muss). Aber es wäre wirklich schade, wenn das bedeutet, dass das Blog nun still und leise einschläft. Deshalb meine ich diesen Post nicht nur als Leseempfehlung, sondern auch als Ermutigung an die Bloggenden von der HS Luzern: „Wir wollen gerne mehr davon sehen!“

 

Weihnachten, gecheckt! Unser Gutzi 2016

Geht es Ihnen auch so? Ist die ach so besinnliche Adventszeit mit beruflichen und privaten Terminen bis zum Platzen gefüllt? Und wünschen Sie sich auch, dass nächstes Jahr alles besser wird?

Dann haben wir dieses Jahr genau das Richtige für Sie. Denn immer, wenn wir in Stress kommen, dann sorgen wir mit Checklisten für Überblick. Johannes Dreikorn hat das auf der tekom Herbsttagung dieses Jahr anschaulich vorgestellt. Klar, dass wir mit Checklisten auch für mehr Freiraum im nächsten Jahr sorgen wollen.

Und deshalb haben wir Ihnen vier Checklisten gestaltet, damit beruflich und privat alles geschmeidig läuft:

  • eine Checkliste für das Berufliche, mit der Sie die Content-Qualität Ihrer Dokumentation schnell abprüfen können,
  • eine Checkliste für das Team, um die Kaffeemaschine fit zu halten,
  • eine Checkliste für das ganze Jahr, mit der Sie Ihre Einkäufe leichter organisieren und
  • eine Checkliste für Weihnachten 2017, damit die „staade Zeit“ dieses Mal auch wirklich besinnlich wird.

Mit unserem Weihnachts-Gutzi wünschen wir allen unseren Lesern und Leserinnen besinnliche Feiertage und einen guten Start für 2017.

Information 4.0 – Schritte auf dem Weg zur Intelligenten Information

Industrielle Steuerung?Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist derzeit eines der meist diskutierten Themen. Auch unserer Branche, der Technischen Dokumentation, stehen tief greifende Veränderungen bevor.
Seit Anfang 2016 bin ich Mitglied der tekom-AG „Information 4.0“ und gestalte dadurch diese Veränderungen mit. In der AG arbeiten wir iiRDS aus, einen Standard zur Bereitstellung von intelligenter Information in digitalisierten, vernetzten Umgebungen. Mit diesem Beitrag fasse ich einige meiner Gedanken zum Thema Industrie 4.0 und intelligente Information zusammen.

Einige Begriffe

  • Industrie 4.0, digitale Fabrik: Sich selbst steuernde, weitestgehend automatisierte Fertigungsprozesse, die der Mensch nur noch „orchestriert“ und bei Bedarf eingreift.
  • Cyberphysikalisches System: Komponente, die aus einem dinglichen Objekt und aus einer digitalen, vernetzten Repräsentation besteht.
  • RAMI 4.0: dreidimensionales Referenzarchitekturmodell der Plattform Industrie 4.0. Strukturiert das Thema nach Lebenszklus von Entwurf bis Entsorgung, Hierarchie von Einzelkomponente bis zur umgebenden Cloud und nach Integrationslevel von Objekt („Asset“) bis Geschäftsmodell („Business“).
  • Verwaltungsschale: Digitale Repräsentation eines cyberphysikalischen Systems. Enthält beschreibende und identifizierende Eigenschaften, Sensordaten und Zugriffsmöglichkeiten zu digitalen Funktionen.

Technische Dokumentation heute

Für die meisten Akteure im Umfeld Industrie 4.0 findet Technische Dokumentation auf dem sog. „Asset Level“ in der digitalen Fabrik statt. Sie gehen gedanklich vom aktuellen Status Quo (oder eigentlich von dem Stand vor zehn Jahren) aus, und der heißt PDF. Dokumente für Installation, Wartung, Betrieb und ggf. Entsorgung werden als Einheiten betrachtet und als abrufbare Eigenschaften in der Verwaltungsschale eingeplant.

Auf diese Granularität zielt wohl auch die in Arbeit befindliche VDI-Richtlinie 2770 zur digitalen Herstellerinformation ab. Für einige Branchen (gerade ältere Industrieanlagen sind in der Regel auf Papier dokumentiert) ist das auch sicher ein Fortschritt. Aber natürlich geht viel mehr.

Intelligente Information

Technische Dokumentation lässt sich viel präziser modularisieren. In vielen Redaktionen wird das bereits heute betrieben, v. a. als Basis des Variantenmanagements: Die Filterung nach Zielgruppen, Sprachen, Gerätevarianten findet heute bereits statt und zwar beim Publizieren von Dokumentvarianten.

In einer Industrie-4.0-Umgebung lässt sich diese Filterung zum Lesezeitpunkt hin verlagern. Damit werden gezielte Abfragen möglich, die dem Anwender die von ihm benötigte Information passend zu seiner aktuellen Aufgabe bereitstellen.

Dazu werden Metadaten benötigt, die die einzelnen Informationsmodule klassifizieren und identifizieren. Zuordnung zu Hersteller, Gerät, Variante, Komponente und Funktionsgruppe sind ebenso entscheidend wie Sprache, Zielgruppe und Informationstyp. Außerdem erfordert die Integration ein Auslieferungsformat, das sich embedded, mobil und am Schreibtisch sauber anzeigen lässt. Standardisierung ist nötig, damit sich die Dokumentation unterschiedlicher Hersteller zu einer Gesamtinformation integrieren lässt.

Bei der tekom arbeiten wir an einem solchen Standard, dem iiRDS. Die Arbeitsgruppe hat ihre Zwischenergebnisse auf der tekom-Jahrestagung vorgestellt. Der Standard soll Mitte nächsten Jahres verfügbar sein.

Wo am Ende die Informationen bereitgestellt werden, ob direkt beim Komponentenhersteller, beim Anlagenbauer, vor Ort beim Betreiber der digitalen Fabrik oder direkt auf der Komponente, ist dabei offen. Ebenso ist offen, ob die Information auf einem eigenen Content Delivery Server, einem integrierten Webservice (der zum Beispiel über den doctima ContentConnect mit Inhalten versorgt wird) oder als Informationsbausteine in einem Asset Management System wie SAP AIN zu liegen kommen. Das abstrakte Konzept der Verwaltungsschale erlaubt hier viele Wege zu gehen.

Die Idee, dass alle (bleiben wir realistisch: möglichst viele) Ersteller von Technischer Information ein gemeinsames Format bereitstellen, um dem Anwender einen integrierten Wissensschatz zu einem aus vielen Komponenten bestehenden System bereitzustellen, erscheint mir auch ohne den direkten Bezug zu Industrie 4.0 ein absolut erstrebenswertes Ziel zu sein – weil es u. a. zu Verbesserungen für das leidige Thema Zulieferdokumentation bringen kann. In der Denkweise des RAMI 4.0 lässt sich die Dokumentation von der untersten Ebene mit PDF-Dokumenten als „Assets“ auf die vierte Ebene, das Information Layer, mit Content-Delivery-Diensten als funktionaler Teil der übergreifenden Verwaltungsschale aufwerten.

Ich bin sehr gespannt auf die kommenden Entwicklungen und wie sich das iiRDS-Format in der Praxis bewähren wird – und auf Ihre Meinung. Wie sind Ihre Erwartungen bezüglich der Digitalisierung der Arbeitswelt? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren!

Lasten- und Pflichtenhefte – der Erfolg entscheidet sich am Dokumentkonzept

Vorgefertigte Lastenhefte wollen viele. Aber wären die sinnvoll?

Vorgefertigte Lastenhefte wollen viele. Aber wären die sinnvoll?

Seit gut zehn Jahren bin ich in Unternehmen unterwegs, um mit Entwicklungsabteilungen einen für die Ingenieure oft lästigen Dokumenttyp auf Vordermann zu bringen: Lasten- und Pflichtenhefte. Egal wohin ich komme, hegen meine Kunden eine ganz bestimmte Hoffnung. Eine Hoffnung, die sich in zwei Fragen ausdrückt:

Frage 1: Gibt es Normen, die man unbedingt beachten muss, um ein wirklich sauberes (und damit vollständiges und möglichst rechtssicheres) Lastenheft oder Pflichtenheft zu erstellen?

Und Frage 2: Gibt es nicht allgemeingültige Dokumentvorlagen mit allen benötigten Inhalten – am besten downloadbar aus dem Web? Und dann ist alles gut?

Unerfüllbare Hoffnungen

Diese Hoffnung muss ich regelmäßig enttäuschen. Leider – könnte man erst einmal meinen.

Natürlich gibt es Normen, die Lasten- und Pflichtenhefte thematisieren, zum Beispiel die DIN 69901. Aber diese Normen helfen bei den Fragen, die die Unternehmen umtreiben, nicht wirklich weiter. Normen kann man vor allem Definitionen entnehmen, was ein Lasten- oder Pflichtenheft ist, was als Gliederung eventuell sinnvoll ist und wie man diese Dokumente in Entwicklungsprozessen am besten einsetzt. Gewonnen ist damit nicht viel.

Dasselbe gilt für downloadbare Vorlagen: Sie können einem einen ersten Eindruck geben, was vielleicht wichtig ist. Aber eine Dokumentvorlage und vor allem die darin enthalten Inhaltspunkte entspringen immer einem bestimmten Kontext und treffen nie passgenau zu. Oder sie sind so allgemein gehalten, dass sie im Grunde nichts aussagen.

Die gute Nachricht – Freiraum für passgenaue Dokumentkonzepte

Mit „Kontext“ ist das relevante Stichwort schon gefallen. Jedes Unternehmen arbeitet (egal ob Auftragnehmer oder Auftraggeber, egal ob Lastenheft oder Pflichtenheft) unter anderen Rahmenbedingungen. Produkte unterscheiden sich technologisch grundlegend, die Vertragspartner sind unterschiedliche, interne Dokumente benötigen andere Inhalte als Dokumente, die über Unternehmensgrenzen ausgetauscht werden. Abhängig davon, wer die Designverantwortung trägt, entwickeln Lasten- und Pflichtenhefte erst ihre eigentliche Gestalt.

Eine Lösung von der Stange – das zeigt mir die Praxis immer wieder ganz deutlich – kann es eigentlich gar nicht geben.

Genau hier aber liegt die große Chance für die Unternehmen. Und das ist die Botschaft, die die Miene meiner Kunden ganz schnell wieder aufhellt. Weil der Kontext hochgradig individuell ist, besteht große Freiheit in der Gestaltung von Lastenheften und Pflichtenheften. Ganz sicher keine Beliebigkeit, aber ein Freiraum, in dem man eine unternehmensspezifisches Dokumentenkonzept entwickeln kann. Ein Konzept, das dann wirklich funktionierende Dokumente ermöglicht.

Was so ein spezifisches Dokumentenkonzept ganz konkret ausmacht, möchte ich hier noch an drei Beispielen zeigen:

Beispiel 1: Es muss nicht immer viel sein

Dieses Konzept ist vor gut zwei Jahren in München entstanden. Ein Unternehmen der Schwerindustrie liefert als Auftragnehmer eine Presseinrichtung für eine große Stahlverarbeitungsanlage. Das spezifizierte Produkt ist für meine Vorstellungen riesengroß, das Pflichtenheft dazu ist aber maximal schlank geworden. Es ist wenige Seiten lang und macht zusammen mit dem Maschinenplan trotzdem eine vollumfängliche Leistungszusage an den Auftraggeber.

Der Kunde hat sehr aufgeatmet: Dass ein Projekt mit Pflichtenheft die Dokumentationsaufwände der Ingenieure, die ja sowieso schon unter hohem Zeitdruck arbeiten, vervielfachen würde – diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet.

Beispiel 2: Ein Dokument, das skaliert

Genau hinsehen! Auf dem Weg zu einer passgenauen Dokumentkonzeption

Genau hinsehen! Auf dem Weg zu einer passgenauen Dokumentkonzeption

Ein Unternehmen für Fenster- und Fassadentechnologie definiert seinen Entwicklungsprozess für Innovationsprojekte neu. Damit die Entwicklung koordiniert abläuft, soll der Vertrieb als unternehmensinterner Auftraggeber ein Lastenheft schreiben. Das Problem an der bisherigen Praxis: Das Lastenheft des Vertriebs ist der Entwicklung zu unspezifisch, der Vertrieb möchte aber nichts vorgeben und spezifizieren, worüber er noch keine Aussagen machen kann. Eine klassische Patt-Situation.

Als Lösung haben wir ein Lastenheft konzipiert, das mitwachsen kann. In seiner ersten Fassung (das „Lastenheft light“) formuliert der Vertrieb die Produktidee und die zentralen Leistungsmerkmale des neu zu entwickelnden Produkts. Dieser Stand dient der internen Abstimmung. Erst wenn klar ist, ob sich dieses Produktkonzept technologisch und wirtschaftlich umsetzen lässt (und in diesem Bewertungs- und Aushandlungsprozess sitzt die Entwicklung mit am Tisch), wird ein „richtiges“ und umfassendes Lastenheft erstellt, das für die Entwicklungsabteilung die Vorgaben in relevanter Breite und Tiefe niederlegt.

Dass dieses Konzept aufgeht, ist konzeptionell vor allem der Gliederung der neuen Lastenheftvorlage zu verdanken. Sie kann angelehnt an den Fortschritt im Entwicklungsprozess von vorne nach hinten wachsen. Es ist als Lastenheft-Standard eine ganz individuelle Lösung entstanden, die sich durch ein hohes Maß an Flexibilität und Skalierbarkeit auszeichnet.

Beispiel 3: Antworten auf 1500 Anforderungen

Ein letztes Beispiel: Ein Automobilzulieferer bekommt von seinen Auftraggebern in schöner Regelmäßigkeit Lastenhefte vorgelegt, die 300 Seiten und länger sind. Um noch einmal eine Zahl zu nennen: Wir reden von 1200 bis 1500 Anforderungen.

Wie kann nun ein Pflichtenheft bzw. die Leistungszusage in so einem Szenario aussehen? Und zwar ohne dass als Pflichtenheft ein noch längeres Monsterdokument entsteht, das unsinnige Aufwände erzeugt? Denn immerhin sagt die reine Lehre – und auch die Auftraggeber aus dem Automobilsektor fordern es: Ein Pflichtenheft muss Antwort geben auf alle Anforderungen des Auftraggebers.

In diesem Fall entwickeln wir eine Lösung aus zwei Dokumenten:  Die Detailantworten stehen in einer Excel-Liste, die eine maximal kurze Antwort auf wirklich jede Anforderung gibt. Dazu kommt aber – und das war hier das Aha-Erlebnis – ein Rahmendokument, in dem der Auftragnehmer noch einmal losgelöst von dem Detaildokument seine Lösung und seine Leistungsfähigkeit konzentriert darstellt. Das zudem Punkte hervorhebt und anbringt, die ihm aus seiner Rolle heraus wichtig sind – und nicht nur solche, die der Auftraggeber aktiv nachfragt. Und das zu guter Letzt sogar – auch das ein Novum – den Auftraggeber in die Pflicht nimmt.

Seit diesem Jahr gehen alle „Antworten“ dieses Kunden auf diese Weise zurück an seine Auftraggeber.

Buchbar als Praxispaket Lastenhefte/Praxispaket Pflichtenhefte

Die konzeptionelle Anlage eines Lasten- oder Pflichtenheftes halte ich im Rückblick auf bestimmt 60 Beratungs-Einsätze als den wesentlichen Schlüssel zum Erfolg. Und das Schöne ist, dass man die Konzepte so auslegen kann, dass daraus ein wirklicher Standard entsteht – also Vorlagen und Definitionen, die für ganze Klassen von Projekten tragen und nicht nur für einen Einzelfall.

Sollten Ihnen diese Sorte Spezifikationsdokumente auch im Magen liegen: Schauen Sie sich doch einfach einmal unser ‚Praxispaket Lastenhefte/Praxispaket Pflichtenhefte‚ an. Ein bewährtes Verfahren, in dem wir schon ganz viele Unternehmen begleitet haben.

WARN OUT – Rechtssichere Anleitungen ohne Warnhinweise?

Warn out - Dietrich Juhl gibt sinnvolle Warnhinweise

Warn out – Dietrich Juhl gibt sinnvolle Warnhinweise

Neulich fand ich ein kleines Büchlein in meinem Postfach: „Warn Out. Konzept für sinnvolle Sicherheits- und Warnhinweise“. Darauf ein Zettel mit der Bitte, ob ich mir das mal anschauen könnte… „Oh nein, nicht schon wieder Warnhinweise…“, war – ich gebe es zu – meine erste Reaktion. Denn mir geht es nicht anders als vielen Technischen Redakteuren: Man liest viel, aber in der Praxis hilft das nicht unbedingt weiter. In diesem Fall kann ich aber sagen: Das Büchlein lohnt sich!

Viel warnen + auffällig warnen = rechtssichere Anleitung?

Juhl reagiert auf die allgemeine Verunsicherung der Technischen Redakteure, die unter dem ziemlich starken Druck stehen „rechtssichere Anleitungen“ – wie es so schön heißt – zu schreiben. Die Art und Weise, wie Normen klassischerweise umgesetzt werden, führt aber teilweise am eigentlichen Ziel vorbei. So wird nach dem Prinzip „lieber zu viel als zu wenig, denn sicher ist sicher“ ausgiebig gewarnt, was das Zeug hält, auch wenn es teilweise unnötig oder gar absurd ist. Hinzu kommt, dass die Warnhinweise standardmäßig in auffälligen Kästen gestaltet sind.

Beide Aspekte haben so ihre Tücken. Wird vor jeder auch kleinsten Gefahr gewarnt (man weiß ja nie, auf welche Idee Menschen so kommen könnten…), dann wird der Leser unter Umständen vom Wesentlichen abgelenkt und nimmt womöglich ernste Gefahren nicht mehr als solche wahr. Fühlt man sich als Redakteur verpflichtet, auf jede Gefahr hinzuweisen, kann man auch wunderbar an seiner Zielgruppe vorbei schreiben. Hinzu kommt die Gestaltung der Hinweise in auffälligen Kästen hinzu – die sind Juhl ein richtiger Dorn im Auge. Sie stören nicht nur den Lesefluss, sondern werden sogar immer wieder von Lesern einfach übersprungen.

Die Gleichung viel warnen + auffällig warnen = rechtssichere Anleitung geht also nicht auf. Was nun?

Grundidee: Richtig anleiten statt warnen

Juhls Konzept ist im Grunde ganz simpel und basiert auf zwei Hauptprinzipien:

  1. Richtig anleiten
  2. Sinnvoll warnen (aber nur dort, wo notwendig)

„Richtig anleiten“ bedeutet, dass Anleitungen nicht nur verständlich geschrieben, sondern auch didaktisch sinnvoll aufgebaut sein sollen. Hier bietet Juhl ein konkretes Modell („Handlungsanweisung mit Eskalation“), das sich in der Praxis eigentlich ganz gut umsetzen lässt:

  1. Anleiten
  2. Anleiten mit Bild
  3. Präzisierung, falls die Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Anwender die Anleitung ungenau ausführt
  4. Betonung der richtigen Handlungsweise
  5. Verbot nahliegender Fehlhandlungen
  6. Benennung von Art und Quelle der Gefahr
  7. Warnung, was bei Nicht-Beachtung passiert

6. und 7. werden dann – wenn nötig – durch ein entsprechendes Warnzeichen und Signalwort ergänzt.

Warnungen sollen also möglichst im Handlungsschritt integriert sein. Juhl geht noch weiter und stellt klar, was alles NICHT in der DIN EN 82079-1 steht. Demnach:

  • müssen Warnhinweise nicht gemäß SAFE strukturiert sein.
  • müssen Warnhinweis nicht als auffälliger Kasten formatiert werden.
  • müssen Warnhinweise nicht unbedingt vor dem betroffenen Handlungsschritt stehen.
  • muss das Kapitel Sicherheit nicht vorwiegend Warnhinweise enthalten und die
    Informationen müssen nicht durch Warnsymbole hervorgehoben werden.

Neugierig geworden?

Neben dem eigentlichen Kern seiner These behandelt Juhl alle wichtigen Aspekte, die zu einer sicheren Anleitung beitragen. Auch die Zielgruppenanalyse als Ausgangspunkt aller Überlegungen kommt hier nicht zu kurz. Vieles hat man als Technischer Redakteur schon irgendwie einmal gehört oder gelesen, aber Juhl geht es nicht darum, die einzelnen Aspekte in aller Ausführlichkeit und wissenschaftlich zu behandeln, sondern um deren Zusammenspiel zu zeigen. Und das gelingt dem Autor.

Aus rein didaktischen Gründen ist die Integration der Warnhinweise in den Textfluss grundsätzlich sicherlich eine sinnvolle Empfehlung. Der Leser profitiert in vielerlei Hinsicht. Der Lesefluss wird nicht unterbrochen, und vor allem: der Inhalt der Warnhinweise wird als Bestandteil eines Handlungsschrittes wahrgenommen und verinnerlicht, was aus meiner Sicht in vielen Fällen mehr zum sichereren Umgang mit dem Produkt beiträgt als ein „aus dem Text ausgelagerter“ Warnhinweis. Aus Hersteller-Sicht ist es aber so, dass meistens doch die Textkürze und die Standardisierung im Vordergrund stehen, weshalb die Umsetzung von Juhls Konzept doch recht aufwändig werden könnte.

Und was die Gestaltung der Hinweise in Kästen und auch deren Aufbau betrifft, ist man doch überrascht, dass Juhl sich lediglich auf die DIN EN 82079-1 bezieht und die ANSI Z.535.6 völlig ausklammert. Denn auf der einen Seite ist es zwar sinnvoll, die Warnhinweise zu integrieren, aber demgegenüber steht in der Technischen Dokumentation das Bedürfnis nach Einheitlichkeit und Normung – auch im Hinblick auf Mehrsprachigkeit.

Ein wichtiges Anliegen von Juhl ist, dass Technische Redakteure selbstbewusst ihren didaktischen Kompetenzen trauen und sich darauf verlassen, dass am Ende eine rechtssichere Anleitung rauskommt. Diese Forderung nach Selbstvertrauen hinsichtlich der Schreibkompetenzen finde ich grundsätzlich richtig, denn blindes, Angst-gesteuertes Schreiben macht keinen Spaß und wird ganz sicher der Zielgruppe nicht gerecht. Dennoch: Wo rechtliche Konsequenzen im Spiel sind, wird sicherlich nicht jeder es wagen, sich ganz von den gängigen Verfahren zu distanzieren, auch wenn diese auf einer nicht ganz richtigen Auslegung der Normvorgaben beruhen.

Mein Fazit

Ich finde, dass jeder technische Redakteur das Buch gelesen haben muss. Denn es eröffnet neue Perspektiven und regt zum Nachdenken über das eigene Schreiben an, unabhängig davon, ob man den harten Kern seiner Thesen bejaht oder nicht. Das Zusammenspiel vonsw_juhl_sicherheit_v2_transp

  • sicheren Anleitungen
  • Kapitel Sicherheit
  • Warnhinweise

wird verständlich beleuchtet. Juhl gibt auch klare Hinweise für die konkrete Umsetzung seines Konzeptes. Man darf sich nur nicht vom emphatischen Ton und von der etwas eigenwilligen Seitengestaltung stören lassen.

Und mal ehrlich … Kompetenz hin oder her: Wenn man sich so manche Anleitung zu Gemüte führt, ist man doch schon froh, wenn es Warnhinweise überhaupt gibt …

Literatur: Juhl, Dietrich [2015]: Warn out. Konzept für sinnvolle Sicherheits- udn Warnhinweise. Juhl-Verlag, 68 Seiten.

Hinweis: Das hier besprochene Buch wurde uns vom Autor kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Der Autor hat keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieser Besprechung genommen.

Verständlichkeitsforschung! Transdisziplinär?

Verständlihckeitsforshcung - Überblick und Zusammenschau

Verständlichkeitsforschung – Überblick und Zusammenschau

Manchmal liegen Bücher bei mir länger zur Rezension auf dem Schreibtisch als mir lieb ist. Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Im Fall von „Verständlichkeitsforschung transdisziplinär“ war es schlicht und einfach – Neugier. Immer wenn ich mit meinem Post beginnen wollte, stieß ich auf diesen einen Aspekt, den ich noch unbedingt vorher durchlesen wollte, oder jene interessante Information, die ich auf jeden Fall noch einmal nachschlagen musste. Lange Rede, kurzer Sinn: das Buch hat mich nachhaltig gefesselt; nicht unbedingt wie ein packender Roman, aber doch mehr als das bei Fachbüchern üblicherweise der Fall ist. Und erst jetzt habe ich mich so weit losreißen können, dass dieser Post erscheinen kann.

Verständlichkeit – ein alter Hut?

Das liegt natürlich auch am  Thema. Ich verrate wahrscheinlich nicht zu viel, wenn ich hier gestehe, dass Verständlichkeitsforschung seit langem ein Steckenpferd von mir ist. Allerdings habe ich in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass das Thema irgendwie zu Ende erzählt ist. Neuere Publikationen – so empfand ich das – variieren entweder lange Bekanntes oder beschäftigen sich mit Detailproblemen der kognitiven Text- und Bildverarbeitung, die sich nur schwer in die Praxis übertragen lassen.

„Ganz schön mutig!“ dachte ich mir deshalb, als Lutz Benedikt mir von seinem Buchprojekt erzählte. Und jetzt bin ich froh, dass er diesen Mut gehabt hat. Denn herausgekommen ist etwas lange Fälliges: Ein intelligent zusammengestellter Überblick über die diversen Strömungen der Verständlichkeitsforschung; ergänzt durch ein eigenes Modell der Verständlichkeit, das bestehende Modelle weiterentwickelt und gleichzeitig praxistauglich bleibt.

Verständlichkeit – neu gesehen!

Das allein wäre schon verdienstvoll genug. Neue Dynamik gewinnt das Thema aber auch durch den Blickwinkel aus unterschiedlichen Disziplinen und daraus, wie Benedikt Lutz zeigt, dass sich die Disziplinengrenzen in der Verständlichkeitsforschung auflösen. Man kann ihm nur zustimmen wenn er schreibt: „Häufig hat die Frage nach der jeweiligen Disziplin [in der Technischen Dokumentation; MN] gar keine Bedeutung mehr, wenn man gemeinsam nach guten Lösungen im Sinne der Anwender sucht.“

Und hier deutet sich auch der dritte Aspekt an, der dieses Buch zu einer gelungenen Lektüre macht: Benedikt Lutz schildert mit großer Sachkenntnis, wie das Thema Verständlichkeit in verschiedenen Berufsfeldern gehandhabt wird. Einziger Kritikpunkt: Bei dem Themenbereich der Softwareentwicklung (Kap. 9) hätte ich mir gewünscht, dass der Autor auch auf den Trend zur agilen Entwicklung eingeht – meiner Ansicht nach eine andere Art auf die Problematik einzugehen, dass es Entwicklern oft schwer fällt, verständliche und verbindliche Entwicklungsdokumente zu produzieren.

Transdisziplinäre Verständlichkeit – für wen?

Benedikt Lutz‘ Buch ist für mich mittlerweile die Einführung in das Thema Verständlichkeitsforschung – ein echtes Must-have. Ich kann das Buch allen empfehlen, die sich auf einem ernsthaften Niveau einen Überblick zum Thema Verständlichkeit verschaffen wollen. Wohlgemerkt: Das Werk ein Fachbuch und kein Ratgeber. Einfaches Rezeptwissen oder Tipps und Tricks sucht man hier vergeblich. Das will und soll das Buch aber auch nicht leisten.

Literatur: Lutz, Benedikt [2015]: Verständlichkeitsforshcung transdisziplinär. Verlag Vienna University Press, Wien, 406 Seiten. ISBN 978-3-84710-453-7

Hinweis: Das hier besprochene Buch wurde uns vom Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Der Verlag hat keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieser Besprechung genommen.

Strategische Unverständlichkeit: Schöngeredet oder schon gelogen?

Post wegen der "Dieselthematik"

Post wegen der „Dieselthematik“

Schon seit einiger Zeit liegt auf meinem Schreibtisch dieser Brief vom (ehemaligen) Autohersteller meines Vertrauens. Ich habe zwar lange mit mir gerungen, aber letzten Endes habe ich mich entschlossen, jetzt doch einen Post dazu zu schreiben. Erstens weil ich mich wirklich geärgert habe. Und zweitens ist mir aufgefallen, wie gut das Anschreiben in unsere kleine Reihe „Strategische Unverständlichkeit“ passt. Deshalb will ich mir dieses Machwerk heute noch mal im Detail vornehmen.

Der Betreff – ein Monstrum

Sehen wir uns einmal den Einstieg in den Brief an. Der Betreff – das sagen wir unseren Kunden auch in unseren Seminaren immer wieder – ist ein besonders wichtiger Teil des Briefes. Er setzt das Thema und den Ton für den restlichen Brief. Und das stimmt (leider) auch hier:

  1. Länge
    Mit vier Zeilen ist der Betreff extrem lang, gleichzeitig strotzt er von Abkürzungen, Kennziffern und allem, was man tut, um nicht gelesen zu werden (1. Regel des Wissenschaftsjournalismus: Keine Formeln!)
  2. Aussagekraft
    Der Betreff eröffnet mit dem schönen Wort „Dieselthematik“. Mal abgesehen davon, dass diese Thematik beim Leser vielleicht noch gar nicht gesetzt ist: Es geht hier überhaupt nicht um Diesel, sondern um eine missbräuchliche Software. Frau Labbé und Herr Balon versuchen also auf ein anderes, weniger problematisches Thema auszuweichen.
  3. Missverständlichkeit
    Ähnlich problematisch aber noch ein Stück weiter geht es, wenn man hier von einer „Servicemaßnahme“ spricht – ein Wort das positiv besetzt ist, während es darum geht eine missbräuchliche Manipulation des Wagens zu beseitigen. Und übrigens geht es hier auch nicht um „Abweichungen“. Die Software liefert ja die Werte, die mir beim Kauf zugesichert wurden. Sondern es geht darum, dass die realen Werte durch Software verschleiert werden.
  4. Fachbegriffe
    Wissen Sie, was ein „NOx“ ist? Vermutlich ja, denn Sie haben im Chemie-Unterricht gut aufgepasst. Ich bin mir aber nicht sicher, wie viele Skoda-Kunden ähnlich fleißig waren. Zufall? Kommunikative Inkompetenz? Könnte sein; im Kontext der anderen problematischen Textstellen aber eher unwahrscheinlich.

Der restliche Brief – es wird nicht besser

Wie schon gesagt, der Betreff setzt den Ton und der Brief hält ihn durch. Immer wieder wird verschleiert und kleingeredet. Da werden „die Stickoxidwerte (NOx) […] optimiert“. Wie schön, ich mag optimierte Dinge. Da gibt es eine seltsame Häufung von behördensprachlichen Elementen, z. B.:

  • „diesbezüglich“,
  • „aufgefordert, umgehend einen Termin […] zu vereinbaren“,
  • „eine gegebenenfalls bevorstehende Hauptuntersuchung“
  • usw.

Und dann finden sich da aber auch wieder seltsam unpassende, direkte Appelle an die Gefühle des Lesers: „Wir bedauern zutiefst, dass wir Ihr Vertrauen enttäuscht haben“ und „Ihr Vertrauen ist unser wichtigstes Gut.“

Spannend auch, wie der Brief nach dem überlangen Betreff gleich noch einen überlangen Satz hinterherschickt. Wie Skoda zwar meine Fahrgestellnummer kennt, mir aber nicht sagen kann, welches Aggregat in meinem Fahrzeug verbaut ist und wann ich vermutlich dran bin. Und wie Skoda mir verspricht, alle technischen Kosten zu ersetzen (wäre ja auch noch schöner), aber kein Wort des Bedauerns verliert über den Aufwand, der mir entsteht.

Was können wir daraus lernen?

Tatsächlich kann man aus diesem Brief eine Menge lernen. Dieser Brief ist wirklich so klasse, dass man ihn zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht machen sollte. Denn Schüler sollten frühzeitig lernen, solche manipulativen Texte zu erkennen.

Noch viel mehr lässt sich daraus aber über Volkswagen und Skoda lernen. Wir erinnern uns: Das technische Problem besteht nicht darin, dass Messwerte „optimiert“ wurden, sondern dass mit dieser Software gelogen und betrogen wurde. Und die Entwickler davon ausgegangen sind, dass das schon niemandem auffallen wird.

Und nun dies: Ein Brief, um die Kunden zu informieren, in dem – na ja wir haben ja gesehen, was dieser Brief tut. Und offensichtlich glaubt man, die Kunden werden darauf hereinfallen. Das lässt schon tiefe Einblicke in die Unternehmenskultur bei Volkswagen zu.

Was kann Frau Labbé lernen?

Liebe Frau Labbé – und hier wende ich mich direkt an Sie – Vertrauen ist nichts, was man einfach so besitzt. Es ist nicht Ihr wichtigstes Gut, denn Sie haben mein Vertrauen im Moment gar nicht (mehr), und es ist vermessen mir das zu unterstellen. Vertrauen ist etwas, das man sich erwirbt. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und wenn man Vertrauen enttäuscht hat, dann sollte man sich offen und ehrlich entschuldigen. Wenn man bei der Entschuldigung aber trickst und manipuliert, dann verliert man auch noch die Chance, dass der andere verzeiht. Das gilt in Geschäftsbeziehungen genauso wie im Privaten.

Die gute Nachricht an Sie ist: Vertrauen verdient man sich immer aufs Neue: Ich bin schon gespannt auf Ihren nächsten Brief, in dem Sie mich „weiterhin fortlaufend und transparent informieren“. Denn aus der Nummer kommen wir offensichtlich beide nicht so schnell raus.

Strategische Unverständlichkeit: Schreiben als Trick

Teuflische Tricks beim Texten (c) Harald Wanetschka / pixelio.de

Teuflische Tricks beim Texten
(c) Harald Wanetschka / pixelio.de

Auf den letzten Beitrag bekamen wir eine Menge Zuspruch und Ermunterung auf Linkedin, Twitter und XING.Vor zwei Wochen haben wir uns ja hauptsächlich graphische Tricks und Layoutfragen angesehen. Daneben gibt es aber auch eine ganze Reihe von Tricks auf allen sprachlichen Ebenen, mit denen sich durch Unverständlichkeit kommunikative Ziele ertricksen lassen.

Noch ein Wort vorab: Je besser diese Tricks gemacht werden, desto schwerer lässt sich nachweisen, ob der Effekt beabsichtigt ist, zufällig erzielt wird oder auf der einfachen Unfähigkeit beruht, Texte einfach und verständlich zu schreiben. Aber dass diese Tricks auch bewusst eingesetzt werden, daran lässt sich kaum zweifeln.

Textsortenmerkmale

Textsorten erkennen wir an diversen Merkmalen, z. B. Layout, Sprachstil, Einbettung in Handlungszusammenhänge und Kombination mit ergänzenden Textsorten. In fast perfekter Weise nutzen Handelsregister-Scammer diese Merkmale aus, um Existenzgründer um ihr Geld zu erleichtern. Der Trick besteht darin, dass sie nach der Anmeldung im Handelsregister ein Schreiben faxen oder schicken, das im typischen Behörden-Deutsch formuliert ist und als Ergänzung einen Überweisungsvordruck beigelegt hat. Dadurch entsteht der Eindruck, dass des eine offizielle Zahlungsaufforderung ist. Viele Gründer dürften auf diese Betrugsmasche hereinfallen. Schöne Beispiele von solchen Anschreiben finden sich übrigens auf fuer-gruender.de.

Satz- und Textlänge

Überlange Texte sind natürlich hervorragend geeignet, um missliebige Informationen vor dem Benutzer zu verstecken. Auch in den Reaktionen auf den ersten Beitrag zu diesem Thema sind vielen die sogenannten EULAs eingefallen. Das Prinzip funktioniert aber auch mit Sätzen.

Manche Texte sollen aufklären, stammen aber aus einem juristischen Umfeld mit den entsprechenden Bandwurmsätzen. In einem Fondsprospekt habe ich z. B: folgendes (anonymisiertes) Monstrum mit 47 Wörtern gefunden:

„Der Teilfonds strebt Kapitalwachstum vornehmlich durch Anlagen in Aktien und aktienähnlichen Instrumenten an, die ein Engagement in Unternehmen bieten, die ihren Geschäftssitz in den Schwellenländern, insbesondere Ländern in Lateinamerika, Südostasien, Afrika, Osteuropa (einschließlich Russland) und im Nahen Osten haben oder dort den überwiegenden Teil ihrer Geschäftstätigkeit ausüben.“

Alles klar? Dann steht Ihrer Investitionsentscheidung ja nichts mehr im Weg.

Struktur-Tricks

Texte haben bestimmte Strukturen und mit diesen kann man Leser manipulieren. Ein einfaches Beispiel sind Tweets folgender Art: „Gefahr für Hundebabies in Hamburg. Warum kann kein http://bit.ly/XYZZXY “ Wir können solche unvollendeten Sätze kaum ertragen und klicken dadurch häufiger auf den Link, als wenn wir wüssten, was uns an der verlinkten Stelle erwartet. Das heißt, wie ich die Beziehung zwischen Ausgangstext (Tweet) und verknüpftem Text (Webseite) aufbaue, manipuliert die Interaktionsbereitschaft des Lesers.

Ähnlich funktioniert das in dieser Bannerwerbung:

datenschutz-info

 

 

 

Wenn Sie jetzt denken, dass der Link auf „Datenschutzinfo“ auch wirklich zu Datenschutz informiert, dann sind Sie in die Falle getappt. Denn tatsächlich öffnet sich eine Vermarktungsseite für Googles Adsense

datenschutz-info_adsense

 

 

 

Über die Beschriftung des Links werden also Erwartungen geweckt, die dann nicht eingehalten werden. Denn „Kaufen Sie hier“ ist alles andere als eine Datenschutz-Info.

War das alles?

Vielleicht: Tatsächlich gibt es noch eine Menge von Beispielen, wie Sprache manipulativ verwendet wird (warum muss ich jetzt an Politik denken?). Mich würde aber interessieren, was unseren Lesern und Leserinnen untergekommen ist. Die interessantesten Beispiele würde ich dann (zusammen mit weiteren eigenen) in Folgeposts hier vorstellen.

Strategische Unverständlichkeit

Gerd Antos in Aktion

Gerd Antos in Aktion

Vorbemerkung: Diesen und den dazugehörigen Folgebeitrag möchten wir Gerd Antos zum Abschied widmen, einem wahren Titanen der Verständlichkeits- und Wissenstransferforschung. Wir wünschen ihm einen Ruhestand, der seinen Namen nicht verdient. Denn wer Gerd kennt, der weiß, dass er auch nach seiner akademischen Tätigkeit gewohnt umtriebig bleiben wird.

In unserem Alltag bei doctima nimmt die Frage, wie wir Dinge verständlich bekommen, einen großen Raum ein. Meist sind Texte unverständlich, weil die Autoren und Autorinnen es schlicht nicht besser geschafft haben. Sei es aus Zeitmangel, aus (schlechter) Gewohnheit oder auch mit guten Absichten, die dann doch fehlschlagen.  Manchmal ist Unverständlichkeit aber auch strategisch beabsichtigt …

Grundlagen der Unverständlichkeit

Um einem falschen Eindruck gleich vorzubeugen: Nein, man kann nicht zu uns kommen, um sich erklären zu lassen, wie man Informationen möglichst gezielt verschleiert oder missverständlich formuliert. Aber: Die Ratschläge, die Texte verständlicher machen, sind umgekehrt auch die Methoden für strategische Unverständlichkeit. In diesem und einem weiteren Beitrag will ich einmal zeigen, wie das funktioniert.

Getäuschte Erwartungen

Die Bezeichnung „Kleingedrucktes“ ist ja sprichwörtlich geworden für Dinge, die in einem Vertrag verschwiegen werden sollen. Mit Gestaltung lässt sich natürlich auch auf andere Weise Unfug treiben: Geringe Kontraste, zu kleine oder große Zeilenlängen, schlecht lesbare Fonts – es gibt zig Varianten, wie durch Gestaltung Inhalte verheimlicht werden.

Etwas trickreicher ist das Gestaltungs-Mimikry. In seiner einfachsten Form sind Gestaltungselemente (Buttons, Links etc.) nicht an der Stelle, an der man sie vermutet. Das sieht man schön an diesem Banner:

trickbanner1 Der „Schließen“-Button ist hier auf der ungewohnten linken Seite. Das Banner wird dadurch tendenziell eher nicht weggeklickt. Hinzu kommt, dass der Button auch optisch nicht unseren Erwartungen (eckig, dreidimensional, Kreuz nicht als Teil des Untergrunds) entspricht. Die Erklärung „Close“ verschleiert hier die Funktion eher, als dass sie hilft. Denn wir sind gewohnt dass Funktionselemente intuitiv erfassbar sind.

Tarnen und Täuschen

Noch einen Schritt weiter geht dieses Banner:

trickbanner2

 

 

 

Ja, man kann auch dieses Banner wegklicken. Der Button dafür ist aber ebenfalls an der unüblichen Stelle oben links. Außerdem ist er außerhalb der geschlossenen Gestalt des rechteckigen Banners auf einem durchsichtigen Untergrund, so dass er mit dem darunterliegenden Text verschwimmt.

Getarnte Jäger

Besonders perfide ist ein Trick, den ich jetzt Gott sei Dank schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen habe (und für den ich auch leider keinen Screenshot habe). Dabei wird die etablierte Bildsprache (X schließt das Fenster) umgedeutet. Mit X-Button wird dann der Vollbildmodus gestartet (d. h. die Seite des Werbetreibenden aufgerufen). Die Werbeeinblendung wird dagegen mit einem Häkchen-Button geschlossen.

Grundsätzlich könnte man natürlich auch als Bildmetapher einen Haken für das Schließen der Seite („erledigt“) verwenden. Der Trick formuliert durch Sehgewohnheiten, die mittlerweile etabliert sind und vom Werbeanbieter missbräuchlich umgedeutet werden.

Text, gewollt unverständlich

Bisher habe ich ein paar Beispiele gezeigt, wie sich Grafik strategisch missbräuchlich einsetzen lässt. Im Folge-Beitrag werde ich noch zeigen, welche sprachlichen Mittel von „Black-Hat“-Textern verwendet werden. Bis dahin würde mich interessieren, ob euch dieser (umgedrehte) Blick auf Verständlichkeit interessiert und welche Beispiele ihr für strategische Unverständlichkeit kennt. Schreibt es uns in die Kommentare, auf Facebook oder Twitter.

Zum Nutzen sprachwissenschaftlicher Erforschung zunehmend technisierter Arbeitsumfelder

Dr. Jan Gerwinski

Dr. Jan Gerwinski

Dr. Jan Gerwinski ist der Gewinner unseres diesjährigen doctima-Preises für berufliche Kommunikation. Nach einer Ausbildung zum Industrieelektroniker hat er in Siegen Angewandte Linguistik studiert. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut FIT in St. Augustin promovierte er 2013 zum Thema „Der Einsatzort im Kommunikationsvollzug. Zur Einbettung digitaler Medien in multimodale Praktiken der Navigation und Orientierung – am Beispiel der Feuerwehr“. Er ist assoziiertes Mitglied des Graduiertenkollegs „locating media“ in Siegen. Seit 2014 arbeitet er als Akademischer Rat im Bereich Angewandte Linguistik an der Uni Siegen. Heute verrät uns Jan Gerwinski im doctima-Blog einige Ergebnisse aus seiner Arbeit.

Sprachwissenschaft und Relevanz

Als sprachwissenschaftlich Forschender wird man häufig mit kritischen Fragen zum eigenen Arbeitsalltag und der Forschungsrelevanz konfrontiert. Kann man dann antworten, dass man Feuerwehrleute beforscht, erhält man im ersten Moment zumindest schon mal einen kleinen ‚Relevanzbonus‘. Der ist aber schnell wieder verspielt, wenn man weiter ausführt, dass man die (sprachliche und nicht-sprachliche) Kommunikation von Feuerwehrleuten in Einsatzübungen mit Video- und Audioaufnahmegeräten aufnimmt, um ihr kommunikatives Orientierungs- und Navigationshandeln zu analysieren. „Und was bringt das der Gesellschaft?“ wird früher oder später bei den meisten (selbst angewandt‑)sprachwissenschaftlichen Forschungsprojekten explizit oder implizit gefragt.

 FotoHiero / pixelio.de

Sprachforschung bei der Feuerwehr. © FotoHiero / pixelio.de

Selbst bzgl. der Forschung zur Kommunikation zwischen Feuerwehrleuten erfolgt das in der Regel früher oder später. Ich möchte an dieser Stelle keine Grundsatzdiskussion zum Nutzen (angewandt‑) sprachwissenschaftlicher Forschung losbrechen. Stattdessen möchte ich einen kleinen Ausschnitt ausgewählter Ergebnisse präsentieren und damit aufzeigen, dass sprachwissenschaftliche Erforschung arbeitsalltäglicher Praktiken von Berufsexperten sehr wohl einen praktischen Nutzen aufweist.

Zunächst war es überhaupt sehr spannend zu beobachten, wieviel die Feuerwehrleute in den körperlich sehr anstrengenden Einsatzübungen kommunizieren, und damit einen ersten Hinweis darauf zu bekommen, wie wichtig die Kommunikation unter den Feuerwehrleuten im Einsatz ist. Zu den Kommunikationsmitteln zählt zwar v.a. die Sprache, aber ebenso zum Beispiel Berührungen und Klopfen.

Einfluss des Ortes auf die Kommunikation

Eine weitere Beobachtung war, dass die Kommunikation sich stark unterscheidet, je nachdem, ob sich die Feuerwehrleute vor Ort oder Feuerwehrleute im Gebäude mit Feuerwehrleuten außerhalb des Gebäudes unterhalten. Das betrifft zum Beispiel den Grad der Formalisierung: im Allgemeinen ist die sprachliche Kommunikation unter den räumlich Anwesenden eher informell. Unter räumlich Getrennten dagegen teilweise sehr formell.

Paul-Georg Meister / pixelio.de

Lebensrettende Kommunikation. © Paul-Georg Meister / pixelio.de

Ich konnte des Weiteren zeigen, dass bestimmte deiktische Sprachhandlungen (z.B. rechts, geradeaus, hier, dort, ich etc.) zwar unter den Feuerwehrleuten im Gebäude unter bestimmten Bedingungen funktional sein können, aber unter spezifischen anderen Bedingungen (wie einer unterschiedlichen Körperausrichtung) und z.B. mit dem Einsatzleiter außerhalb des Gebäudes sehr dysfunktional sind und die Orientierungs- und Navigationshandlungen erschweren können. Ein weiterer Punkt betrifft die Verwendung eines teilweise nicht formalisierten sprachlichen Repertoires (z.B. zur Bezeichnung unterschiedlicher Ecken) was m.E. zusammen mit den Erkenntnissen über den Deiktika-Gebrauch mögliche Ansatzpunkte für Kommunikationstrainings für Feuerwehrleute bietet: Gewisse eingeübte und kritisch reflektierte Sprachregeln und Vereinheitlichungen können z.B. Mehrdeutigkeiten auflösen und damit helfen, Irritationen zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren.

Feuerwehrschlauch als Medium

© Paul-Georg Meister / pixelio.de

Liefert Wasser und Informationen: Feuerwehrschlauch. © Paul-Georg Meister / pixelio.de

Eine weitere Beobachtung betraf den von den Beteiligten mitgeführten Feuerwehrschlauch. Dieser dient nicht nur als ggf. lebensrettender Wasserspender, sondern auch als ‚Leitmedium‘ (selbst in Einsatzübungen mit den neuen Medien). Die Feuerwehrleute geben dem Raum mit Hilfe des Schlauchs als selbst ausgelegtem Positions- und Wegmarker eine neue ‚Kommunikationsstruktur‘ mit neuen Hinweisen für die ‚Benutzbarkeit‘ des Raums durch Einsatzkräfte. Und zwar sowohl für sich als Auslegende selbst als auch für nachfolgende Feuerwehrleute.

 

Hinsichtlich der neuen Medien und damit der Medienentwicklung für hochsicherheitsrelevante Arbeitsfelder wie das der Feuerwehr konnte ich zeigen,

  • dass die neuen Auslegeobjekte einfach zu bedienen sein müssen,
  • dass sie ein einfaches semantisches Grundschema aufweisen sollten, das aber individuell erweiterbar sein sollte, z.B. durch (Re‑)Kombinationen mehrerer ‚Landmarken‘ (z.B. zwei rote ‚Landmarken‘ an eine Stelle zu setzen).
  • Sie sollten unbedingt (nicht nur aufgrund der einfachen Bedienbarkeit) eine sinnvolle Form aufweisen, der eine (prinzipielle) Mehrfunktionalität aufweist: die ‚Landmarken‘ konnten zugleich als einfache Keile gebraucht werden und unterstützen damit ohnehin bestehende Arbeitspraktiken der Feuerwehrleute und wurden somit weniger als zusätzliche Last wahrgenommen.
  • Sehr wichtig war stets, dass bestehende Handlungspraktiken nicht einfach ersetzt wurden, sondern durch die neuen Medien ergänzt werden konnten.
  • Die aktive Nutzung der auslegbaren Objekte/Medien statt einer passiven automatischen Auslegung ohne Zutun der Feuerwehrleute (die zu Beginn des Projekts zumindest zur Disposition stand) konnte ebenfalls sehr schnell anhand von Einsatzübungen und Gesprächen als Vorteil für die Beteiligten aufgezeigt werden.
  • Schließlich erwies es sich auch nachweislich als vorteilhaft, die Nutzer von Anfang an (als gleichberechtigte Partner und Experten) in die Entwicklung einzubeziehen.
  • Und bzgl. der unterschiedlichen Einsatzszenarien konnten wir offenlegen, dass die neuen Medien ihr unterstützendes Potenzial insbesondere bei größeren und komplexen Umgebungen, wie z.B. in Parkhäusern, ausspielen.

Im Großen und Ganzen zeigen die Ergebnisse m.E., dass die Erforschung kommunikativer (Arbeits‑)Alltagswelten in verschiedener Hinsicht interessant und relevant ist. Neben den ForscherInnen und deren KollegInnen sowie der interessierten Bevölkerung, bieten die Ergebnisse (Selbst‑)Reflexions- und Verbesserungspotenzial für die Akteure im Feld sowie eine wichtige Grundlage für TechnikentwicklerInnen