Denkblockaden oder Schreibmythen?

Christian Wymann [2016]: Schreibmythen entzaubern

Christian Wymann [2016]: Schreibmythen entzaubern

Falsche Vorstellungen können beim Schreiben oft mehr blockieren als ein schweres Thema oder stilistische Schwächen. Das ist uns in unseren Schreib-Coachings immer wieder aufgefallen. Dankenswerter Weise hat nun Christian Wymann die häufigsten Denkblockaden in einem kurzen Buch zusammengestellt. Denn immerhin: Solche „Schreibmythen“ (wie er sie nennt) können zum echten Karrierekiller werden, wenn sie nicht rechtzeitig „entzaubert“ werden.

Wymanns Buch versammelt je drei „Schreibmythen“ zu Autor, Schreibprozess und Dokument. Die so gesammelten „Schreibmythen“ sind selbstverständlich nicht vollständig, decken aber die häufigsten Missverständnisse ab, die es rund um das Schreiben so gibt. Jedes Kapitel startet mit einem kurzen Fragenteil, der dabei hilft einzuschätzen, ob man diesem „Mythos“ selbst anhängt. Der Autor streut zur Veranschaulichung der „Mythen“ viele Schreibbiographien von professionellen Autoren ein. Zum Ende eines Kapitels gibt Wymann noch kurze Tipps, wie man mit dem jeweiligen „Mythos“ umgehen kann, was sich gegen ihn tun lässt. Ich bezweifle zwar, ob sich eine eingefahrene Denkblockade durch die Lektüre des Buchs wirklich beseitigen lässt. Aber Wymanns Ratgeber kann den ersten Anstoß geben, um mehr über sich und seine Schreibgewohnheiten nachzudenken.

Das Buch beschäftigt sich im Prinzip nur mit dem akademischen Schreiben. Man sollte sich dadurch aber nicht abschrecken lassen. Denn die „Schreibmythen“ wirken auch bei anderen Formen des sachorientierten Schreibens. Für die Technische Redaktion sind sie mühelos übertragbar. Für Technische Redakteure und Redakteurinnen dürfte beim Lesen allerdings das durchgängig verwendete große Binnen-I ungewohnt sein. In der Hochschulwelt ist diese Schreibung mittlerweile verbreitet, in der Wirtschaft aber noch nicht angekommen.

Insgesamt ist „Schreibmythen“ ein lesenswertes Buch, insbesondere für den schmalen Preis von 12,99 €. Ich empfehle es all denen, die eben gerade nicht gerne schreiben. Gestört hat mich bei dem Buch eigentlich nur der Begriff „Schreibmythen“. Ein Mythos ist in meiner Sicht eine Erzählung, die zwar nicht unbedingt die reale, faktische Welt darstellt, aber eine innere Wahrheit wiedergibt. Das sind die hier genannten Schreibmythen aber nun gerade nicht. Deshalb werde ich auch weiter von „Denkblockaden“ sprechen.

Literatur: Christian Wymann [2016]: „Schreibmythen entzaubern. Ungehindert schreiben in der Wissenschaft“. Verlag Barbara Budrich, Opladen, Toronto

Hinweis: Das hier besprochene Buch wurde uns vom Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Der Verlag hat keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieser Besprechung genommen.

 

Warum ich SCSS nicht mehr missen möchte

Schickes CSS mit Sass

Schickes CSS mit Sass

Ich beschäftige mich mit Redaktionsprozessen und deren Optimierung. D. h. ich werde immer hellhörig, wenn es eine Chance gibt, etwas zu vereinfachen oder besser zu strukturieren.

In einem anderen Teil meines Jobs gestalte ich Online- und mobile Medien. Dort spielt HTML 5 eine große Rolle. Für dessen Gestaltung verwendet man CSS, und mit CSS habe ich als jemand, der in Strukturen denkt, ein Problem.

Mein Problem mit CSS

CSS bietet kaum Möglichkeiten, zu strukturieren. Es ist auf schnelle Verarbeitung durch den Browser hin optimiert, Wartbarkeit hat nicht Priorität. Im Wesentlichen bestehen CSS-Dateien deswegen aus einer linearen Abfolge von Regelsätzen, die bestenfalls in Blöcke für unterschiedliche Zielmedien gruppiert sind, also z.B. für Mobilgeräte oder Drucker. Alle Angaben sind explizit. Das bedeutet, jede Farbangabe, die mehr als ein Element betrifft, muss mehrfach identisch hingeschrieben werden. Es gibt keine Variablen. Damit werden komplexe Stylesheets schnell unübersichtlich und sind schwierig zu pflegen.

Eine Lösung

Konzeptionell lässt sich die Unstrukturiertheit von CSS nur rudimentär behandeln: Man kann die CSS-Regeln auf mehrere Dateien verteilen. Effektiver wäre es aber, CSS zumindest für die Erfassung um gängige Programmierkonzepte zu erweitern wie Variablen, Vererbung, Hierarchien oder Berechnungsfunktionen.

Tatsächlich haben sich seit Längerem mehrere Formate etabliert, die genau das leisten. Beispiele sind LESS, Coffeescript oder SASS. Das Format SCSS, das ich hier vorstellen will, ist eine syntaktisch andere Geschmacksrichtung von SASS. Diese Sprachen erlauben es, Regelsätze strukturiert zu erfassen, sind aber leider für Browser nicht lesbar. Deshalb werden sie mit sog. Präprozessoren ausgeliefert. Präprozessoren sind Konverter, die Dateien vor dem Ausliefern an den eigentlichen Prozessor (hier: den Browser) verarbeiten. Somit besteht SCSS aus zwei Komponenten:

  • einem Format, bei dem es sich um eine funktionale Erweiterung von CSS handelt.
  • einem Prozessor, der für unterschiedliche Betriebssysteme unter einer MIT-Opensource-Lizenz frei erhältlich ist.

Sassy CSS

Ich möchte die wesentlichen Features von SASS (die Abkürzung steht für „Syntactically Awesome Style Sheets“) bzw. SCSS („Sassy CSS“) hier nur kurz anreißen.

  • Regelsätze schachteln: Angaben beispielsweise für Links, die im Footer oder im Header stehen, lassen sich innerhalb des Regelsatzes für allgemeine Links platzieren, anstatt sich irgendwo über die CSS-Datei zu verteilen.
  • Abgeleitete Klassen: Formate für Warn- und Gefahrenhinweis-Boxen lassen sich von einer gemeinsamen, allgemeineren Klasse Hinweis-Box ableiten, anstatt alle Angaben zu wiederholen oder in mehrere gemeinsame und spezifische Regelsätze zu verteilen.
  • Ausgelagerte Dateifragmente, Partials: In sich geschlossene Teilbereiche, beispielsweise die Regelsätze für das Navigationsmenü, lassen sich in einzelne Dateien auslagern. Das geht auch mit CSS, wo aber jede ausgelagerte Datei im HTML-Kopf explizit referenziert werden muss. Der SCSS-Präprozessor fasst die Partials zu einer einzigen Datei zusammen, was sowohl die Verwaltung der Referenzen im HTML erleichtert als auch die Performance verbessert.
  • Variablen: Werte, aber auch ganze Regeln lassen sich in Variablen deklarieren. Wiederkehrende Gestaltungselemente oder CI-Farben lassen sich somit an einer Stelle verwalten und bei Bedarf zentral austauschen.
  • Operationen und Funktionen: SCSS stellt eine ganze Reihe von Manipulationen und Berechnungen zur Verfügung. Das Spektrum reicht von einfachen Farbänderungen wie darken($color) über Textfunktionen und Mathematik bis hin zur Verarbeitung von assoziativen Listen wie mit map_get($map, $key).
  • Mixins: Mixins sind aufrufbare Makros, denen man Parameter mitgeben kann. Um auf das Beispiel mit den Hinweis-Boxen zurückzukommen: Ein Mixin hinweisbox($severity, $symbol) kann die Darstellungsregeln für eine Hinweis-Box enthalten, mit Parametern für die Gefahrenstufe und das anzuzeigende ISO-Symbol. Die Gestaltung eines Gefahrhinweises mit Augenschutz kann sich dann auf den Aufruf @include hinweisbox(‚Gefahr‘,‘Laser‘) beschränken.

SCSS im Alltag

Wir verwenden SCSS mittlerweile seit mehreren Jahren in praktisch allen Projekten, in denen CSS eine Rolle spielt, und bereuen den Schritt in keiner Weise. Die Aufwände für Installation und Einarbeitung waren kaum der Rede wert. SCSS ist anders als SASS eine reine Erweiterung der CSS-Syntax, womit der Einstieg sehr schnell vonstattenging.

Die Features, die wir am meisten nutzen und die uns massiv Zeit ersparen, sind Variablen und Partials, die besonders in Projekten mit mehreren Layouts (Kunde und Tochterfirma, Eigenmarke und OEM) ihren Nutzen ausspielen. Und, ganz wesentlich: das Schachteln von Regelsätzen, das ein sinnvolles Strukturieren der Stylesheets erst ermöglicht und nebenbei sehr viel Schreibarbeit erspart.

Eine nicht zu unterschätzende Nebenwirkung dieser Strukturierung ist, dass wir automatisch sehr viel systematischer an die Gestaltung der Stylesheets herangehen als zu Zeiten, als wir nur einzelne Regeln hintereinander weggeschrieben haben. Da war es schnell passiert, dass der allgemeine Regelsatz für Links und der spezielle Regelsatz für Links im Footer tausend Zeilen weit auseinander standen. Mit SCSS erhöht sich die Wartbarkeit der Lösung deshalb ganz ungemein.

Was den Übersetzungsvorgang von SCSS nach CSS angeht: Wir haben das in den beiden Entwicklungsumgebungen, mit denen wir arbeiten, PhpStorm und Visual Studio, über Plugins so eingerichtet, dass der Präprozessor beim Speichern der SCSS-Datei automatisch anspringt. Das bedeutet, dass die generierten CSS-Dateien nebenbei und ohne unser explizites Zutun entstehen. Der administrative Mehraufwand besteht also vor allem im einmaligen Einrichten der jeweiligen Plugins.

Fazit

Wir haben SCSS für meinen Geschmack viel zu spät entdeckt, als es bereits jahrelang zur Verfügung stand. Mittlerweile ist es aber für mich und mein Team aus dem Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken, wenn es um Online- und mobile Medien geht. Auch wenn wir seine Möglichkeiten nicht bis ins Letzte ausreizen, sind bereits die wenigen Key Features, die wir ausführlich nutzen, eine erhebliche Erleichterung beim strukturierten Entwickeln und Warten von Stylesheets. Wenn Sie also mit CSS im Vanillegeschmack arbeiten, und gerne effizienter damit umgehen möchten, kann ich Ihnen dringend einen Blick auf SCSS empfehlen.

 

Startpunkt für Redaktion und Übersetzung

(c) Peter Smola pixelio.de

MIt den richtigen Werkzeugen für die Technische Redaktion und Übersetzung lässt sich so manche Hürde im Arbeitsalltag leichter bewältigen. Und es gibt ja auch jede Menge Hilfsmittel:

  • Übersetzungsspeicher
  • Terminologie-Datenbanken
  • Leitfäden
  • Online-Grammatiken
  • Sprachprüf-Software
  • und vieles mehr…

Studierende an der FH Wels in Oberösterreich haben im Sommersemester 2015 „Hilfsmittelbenutzung und Rechercheverhalten in der technischen Redaktion“ erforscht und daraus einen Überblick zu den Hilfsmitteln in der Technischen Redaktion und Übersetzung entwickelt. Die daraus entstandene Microsite ist ein hervorragender Einstieg für Neulinge in der Technischen Dokumentation und Übersetzung. Sie hält aber auch für den Profi noch den einen oder anderen Tipp bereit.

Vollständig ist die Microsite der FH Wels allerdings bei weitem nicht. Zum Beispiel fehlt bei den Sprachprüf-Werkzeugen unser ContentRuleset. Und leider gibt es auch keine Kontaktadresse, bei der man weitere Fundstücke einreichen kann. Schade, denn gut gepflegt hätte der Hilfsmittel-Überblick das Zeug dazu, eine zentrale Anlaufstelle für Technische Redakteure zu werden.

Übrigens: Auf die Welser Microsite wurde ich aufmerksam gemacht durch Klaus Schubert. Er ist Professor in Hildesheim und Herausgeber der Online-Zeitschrift transkom, einer weiteren wichtigen Ressource für Übersetzer.

Formulare, die nicht nerven

 Dieter Schütz / pixelio.de

Dieter Schütz / pixelio.de

„Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare“ ächzt der Volksmund. Und tatsächlich sind Formulare fast überall zu finden;  denn sie sind ein wichtiges Hilfsmittel, um Standardprozesse effizient zu gestalten.

Warum erhalten Formulare dann aber so wenig Aufmerksamkeit? Vielleicht, weil Herausforderungen auf ganz verschiedenen Ebenen zu bewältigen sind. Es lohnt sich aber, diese Herausforderungen anzugehen. Denn beim Optimieren von Kommunikationsprozessen, stellen wir immer wieder fest, dass Formulare eine wichtige Stellschraube für reibungslose Abläufe sind.  Deshalb hier sechs Tipps für bessere Formulare.

1. Gestaltgesetze beachten

Die Gestaltgesetze der Wahrnehmung sind die Basis für eine ergonomische Gestaltung von Formularen. Sie geben eine Richtschnur wie sich die Zusammengehörigkeit (bzw. Trennung) von Informationseinheiten optisch gut markieren lässt. Clever angewendet wird es dann auch möglich, das starre „Block- und Felder“-Design vieler Formulare aufzubrechen und dem Benutzer durch eine luftigere Gestaltung den Zugang zum Formular zu erleichtern.

2. Verständlich schreiben

Verständlichkeit spielt natürlich auch bei Formularen eine Rolle. Hier ist die Situation aber sogar noch schwieriger als in anderen Sachtexten, denn in Formularen ist Platz Mangelware. Oft bliebt dann keine andere Wahl, als mit Substantivierungen auf Redundanz zu verzichten. Gerade dann ist aber Feingefühl gefragt, damit den Benutzern nicht wichtige Zusammenhänge entgehen. Das gleiche gilt für Abkürzungen: Sind sie wirklich allgemein verständlich? Ohne Test bei der Zielgruppe ist das meist nur schwer zu entscheiden.

3. Begriffe einheitlich verwenden

Einen Aspekt der verständlichen Sprache möchte ich hier besonders erwähnen. Formulare müssen terminologisch konsistent sein. Und zwar innerhalb des Formulars aber auch zwischen verschiedenen Formularen desselben Herausgebers. Stilistische Variation hat in Formularen nichts zu suchen; sie führt stattdessen zu Verwirrung bei den Benutzern und erhöht dadurch die Bearbeitungszeiten.

4. Vertrauen herstellen

Ob und wie Formulare bearbeitet werden, hat viel mit Vertrauen zu tun. Nicht immer ist deshalb eine besonders schicke Gestaltung für ein Formular sinnvoll. Eine zurückhaltende, seriöse Gestaltung kann dem Benutzer signalisieren „Hier sind deine Daten gut aufgehoben, hier werden sie professionell behandelt.“ Zur Seriosität tragen aber auch die sprachliche Gestaltung bei, z. B. die Form der Ansprache oder explizite Datenschutzhinweise und Kontaktangebote.

5. Prozesslogik einhalten

Formulare sind in zweifacher Weise an Prozesse gebunden: Zum einen an inneren Ablaufplan des Formulars (Welche Fragen werden in welcher Reihenfolge beantwortet? Wo gibt es Weichen? Wo Alternativen?). Mindestens ebenso wichtig sind aber die Arbeitsprozesse, in die das Formular eingebunden ist. Wenn der Benutzer eine Information nachschlagen muss oder wenn er in einem Arbeitsprozess an eine andere Maschine oder in einen anderen Raum wechselt, dann sind dies Sollbruchstellen, bei denen es vermehrt zu Fehlern und Abbrüchen der Bearbeitung kommt.

6. Formularprozesse aufbauen

Der letzte Tipp hat weniger mit Gestaltung und Inhalt der Formulare zu tun als damit wie die Formulare entstehen. Denn gar nicht so selten gibt es keine expliziten Verantwortlichen für die Formulare in einem Unternehmen oder einer Behörde. Die Formulare entstehen fallweise, es gibt nur einen losen Gestaltungsrahmen, die Abläufe beim Erstellen eines Formulars müssen immer wieder von Neuem erfragt werden und niemand bündelt das Feedback, das im Unternehmen oder der Behörde zu den Formularen ankommt. Kein Wunder, wenn unter diesen Bedingungen Formulare alle nerven: Ersteller wie Bearbeiter.

Zu guter Letzt interessieren mich noch Ihre Erfahrungen mit Formularen: Was hat Sie positiv überrascht? Wo verzweifeln Sie regelmäßig? Und wann erstellen Sie selbst Formulare? Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare.

WARN OUT – Rechtssichere Anleitungen ohne Warnhinweise?

Warn out - Dietrich Juhl gibt sinnvolle Warnhinweise

Warn out – Dietrich Juhl gibt sinnvolle Warnhinweise

Neulich fand ich ein kleines Büchlein in meinem Postfach: „Warn Out. Konzept für sinnvolle Sicherheits- und Warnhinweise“. Darauf ein Zettel mit der Bitte, ob ich mir das mal anschauen könnte… „Oh nein, nicht schon wieder Warnhinweise…“, war – ich gebe es zu – meine erste Reaktion. Denn mir geht es nicht anders als vielen Technischen Redakteuren: Man liest viel, aber in der Praxis hilft das nicht unbedingt weiter. In diesem Fall kann ich aber sagen: Das Büchlein lohnt sich!

Viel warnen + auffällig warnen = rechtssichere Anleitung?

Juhl reagiert auf die allgemeine Verunsicherung der Technischen Redakteure, die unter dem ziemlich starken Druck stehen „rechtssichere Anleitungen“ – wie es so schön heißt – zu schreiben. Die Art und Weise, wie Normen klassischerweise umgesetzt werden, führt aber teilweise am eigentlichen Ziel vorbei. So wird nach dem Prinzip „lieber zu viel als zu wenig, denn sicher ist sicher“ ausgiebig gewarnt, was das Zeug hält, auch wenn es teilweise unnötig oder gar absurd ist. Hinzu kommt, dass die Warnhinweise standardmäßig in auffälligen Kästen gestaltet sind.

Beide Aspekte haben so ihre Tücken. Wird vor jeder auch kleinsten Gefahr gewarnt (man weiß ja nie, auf welche Idee Menschen so kommen könnten…), dann wird der Leser unter Umständen vom Wesentlichen abgelenkt und nimmt womöglich ernste Gefahren nicht mehr als solche wahr. Fühlt man sich als Redakteur verpflichtet, auf jede Gefahr hinzuweisen, kann man auch wunderbar an seiner Zielgruppe vorbei schreiben. Hinzu kommt die Gestaltung der Hinweise in auffälligen Kästen hinzu – die sind Juhl ein richtiger Dorn im Auge. Sie stören nicht nur den Lesefluss, sondern werden sogar immer wieder von Lesern einfach übersprungen.

Die Gleichung viel warnen + auffällig warnen = rechtssichere Anleitung geht also nicht auf. Was nun?

Grundidee: Richtig anleiten statt warnen

Juhls Konzept ist im Grunde ganz simpel und basiert auf zwei Hauptprinzipien:

  1. Richtig anleiten
  2. Sinnvoll warnen (aber nur dort, wo notwendig)

„Richtig anleiten“ bedeutet, dass Anleitungen nicht nur verständlich geschrieben, sondern auch didaktisch sinnvoll aufgebaut sein sollen. Hier bietet Juhl ein konkretes Modell („Handlungsanweisung mit Eskalation“), das sich in der Praxis eigentlich ganz gut umsetzen lässt:

  1. Anleiten
  2. Anleiten mit Bild
  3. Präzisierung, falls die Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Anwender die Anleitung ungenau ausführt
  4. Betonung der richtigen Handlungsweise
  5. Verbot nahliegender Fehlhandlungen
  6. Benennung von Art und Quelle der Gefahr
  7. Warnung, was bei Nicht-Beachtung passiert

6. und 7. werden dann – wenn nötig – durch ein entsprechendes Warnzeichen und Signalwort ergänzt.

Warnungen sollen also möglichst im Handlungsschritt integriert sein. Juhl geht noch weiter und stellt klar, was alles NICHT in der DIN EN 82079-1 steht. Demnach:

  • müssen Warnhinweise nicht gemäß SAFE strukturiert sein.
  • müssen Warnhinweis nicht als auffälliger Kasten formatiert werden.
  • müssen Warnhinweise nicht unbedingt vor dem betroffenen Handlungsschritt stehen.
  • muss das Kapitel Sicherheit nicht vorwiegend Warnhinweise enthalten und die
    Informationen müssen nicht durch Warnsymbole hervorgehoben werden.

Neugierig geworden?

Neben dem eigentlichen Kern seiner These behandelt Juhl alle wichtigen Aspekte, die zu einer sicheren Anleitung beitragen. Auch die Zielgruppenanalyse als Ausgangspunkt aller Überlegungen kommt hier nicht zu kurz. Vieles hat man als Technischer Redakteur schon irgendwie einmal gehört oder gelesen, aber Juhl geht es nicht darum, die einzelnen Aspekte in aller Ausführlichkeit und wissenschaftlich zu behandeln, sondern um deren Zusammenspiel zu zeigen. Und das gelingt dem Autor.

Aus rein didaktischen Gründen ist die Integration der Warnhinweise in den Textfluss grundsätzlich sicherlich eine sinnvolle Empfehlung. Der Leser profitiert in vielerlei Hinsicht. Der Lesefluss wird nicht unterbrochen, und vor allem: der Inhalt der Warnhinweise wird als Bestandteil eines Handlungsschrittes wahrgenommen und verinnerlicht, was aus meiner Sicht in vielen Fällen mehr zum sichereren Umgang mit dem Produkt beiträgt als ein „aus dem Text ausgelagerter“ Warnhinweis. Aus Hersteller-Sicht ist es aber so, dass meistens doch die Textkürze und die Standardisierung im Vordergrund stehen, weshalb die Umsetzung von Juhls Konzept doch recht aufwändig werden könnte.

Und was die Gestaltung der Hinweise in Kästen und auch deren Aufbau betrifft, ist man doch überrascht, dass Juhl sich lediglich auf die DIN EN 82079-1 bezieht und die ANSI Z.535.6 völlig ausklammert. Denn auf der einen Seite ist es zwar sinnvoll, die Warnhinweise zu integrieren, aber demgegenüber steht in der Technischen Dokumentation das Bedürfnis nach Einheitlichkeit und Normung – auch im Hinblick auf Mehrsprachigkeit.

Ein wichtiges Anliegen von Juhl ist, dass Technische Redakteure selbstbewusst ihren didaktischen Kompetenzen trauen und sich darauf verlassen, dass am Ende eine rechtssichere Anleitung rauskommt. Diese Forderung nach Selbstvertrauen hinsichtlich der Schreibkompetenzen finde ich grundsätzlich richtig, denn blindes, Angst-gesteuertes Schreiben macht keinen Spaß und wird ganz sicher der Zielgruppe nicht gerecht. Dennoch: Wo rechtliche Konsequenzen im Spiel sind, wird sicherlich nicht jeder es wagen, sich ganz von den gängigen Verfahren zu distanzieren, auch wenn diese auf einer nicht ganz richtigen Auslegung der Normvorgaben beruhen.

Mein Fazit

Ich finde, dass jeder technische Redakteur das Buch gelesen haben muss. Denn es eröffnet neue Perspektiven und regt zum Nachdenken über das eigene Schreiben an, unabhängig davon, ob man den harten Kern seiner Thesen bejaht oder nicht. Das Zusammenspiel vonsw_juhl_sicherheit_v2_transp

  • sicheren Anleitungen
  • Kapitel Sicherheit
  • Warnhinweise

wird verständlich beleuchtet. Juhl gibt auch klare Hinweise für die konkrete Umsetzung seines Konzeptes. Man darf sich nur nicht vom emphatischen Ton und von der etwas eigenwilligen Seitengestaltung stören lassen.

Und mal ehrlich … Kompetenz hin oder her: Wenn man sich so manche Anleitung zu Gemüte führt, ist man doch schon froh, wenn es Warnhinweise überhaupt gibt …

Literatur: Juhl, Dietrich [2015]: Warn out. Konzept für sinnvolle Sicherheits- udn Warnhinweise. Juhl-Verlag, 68 Seiten.

Hinweis: Das hier besprochene Buch wurde uns vom Autor kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Der Autor hat keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieser Besprechung genommen.

Die besten Tools in der Technischen Redaktion?

Sandro Almir Immanuel / pixelio.de

Sandro Almir Immanuel / pixelio.de

Vor einiger Zeit hat mich Ferry Vermeulen von INSTRKTIV (zusammen mit mehreren anderen internationalen Experten) nach meinen drei beliebtesten Tools für die Technische Dokumentation gefragt. Gemeint waren nicht nur Software-Werkzeuge sondern ganz allgemein Hilfsmittel, auf die wir im Alltag nur ungern verzichten würden.
Zusammengekommen ist eine umfangreiche Liste, die die Vielfalt der Aufgaben und Bedürfnisse in der Technischen Dokumentation widerspiegelt. Einen eindeutigen „Sieger“ gibt es nicht. Bei siebzig befragten Teilnehmern ist MadCap Flare (20 Nennungen) mit weitem Abstand die häufigst genannte Software. Für diesen „ersten Platz“ dürfte MadCap Flare allerdings geholfen haben, dass sich unter den Teilnehmern drei MadCap Mitarbeiter und etliche MadCap Consultants befinden. Dennoch, MadCap Flare ist in der Branche ohne Zweifel ein beliebtes Tool.

Wie ich mich entschieden habe? Das lesen Sie am besten direkt auf der Seite von INSTRKTIV. Und vielleicht finden Sie ja noch die eine oder andere Tool-Anregung für Ihren Dokumentationsalltag.

Firefox auf RAM-Diät – Speichernutzung im Browser optimieren

15531453786_1368ed6118_o

(c) download.net.pl / flickr.com

Die meisten von Ihnen dürften das Problem kennen: Je länger man den Browser Firefox über den Tag nutzt, desto mehr RAM benötigt er auch. Für meinen Rechner mit 4 GB RAM bedeutet dies spätestens bei der Grafikbearbeitung Probleme, da Firefox zu viel Speicher belegt und damit die Performance in die Knie geht.

Für dieses Problem gibt es 3 Lösungen:

  1. Auf Chrome als Browser wechseln.
  2. Schließen und erneutes Öffnen des Browsers.
  3. Das Add-on Free Memory 2.0 nutzen.

Die Oberfläche des Chrome-Browsers finde ich nach Jahren der Firefox-Nutzung unhandlich, weswegen ich ihn nicht nutzen möchte. Mich persönlich hat das ständige Schließen und Öffnen des Firefox genervt. Darum habe ich ein Tool gesucht dass dies umgeht und Free-Memory 2.0 gefunden.

Free Memory 2.0 macht nichts anderes als dem Firefox-Befehl about:memory eine grafische Oberfläche zu verpassen. Für alle, die ihn nicht kennen: gibt man den Befehl in die Adresszeile des Browser ein, kann man die RAM-Nutzung manuell anpassen, den Cache sichern, Reports des RAM-Bedarfs anfertigen lassen etc. Dies ist jedoch etwas umständlich und wird durch Free Memory 2.0 vereinfacht.

Installieren und nutzen des Tools

Das Tool findet sich über die Add-on-Verwaltung des Firefox. Dort nach dem Add-on suchen: FreeMemory
Die Installation erfolgt automatisch mit einem Click auf den Button installieren.

Hat man das Add-on installiert erscheint ein kleines Icon in Form eines RAM-Riegels in der Befehlszeile. Klickt man dieses an, erscheint ein kurzes Menü. Über den Button Memory Minimization werden die laufenden Prozesse des Firefox entschlackt. Abhängig von der momentanen Nutzung des Firefox bringt dies mit 2 Klicks eine schnelle, wenn auch nur kurzfristige Abhilfe bei der RAM-Nutzung und eine Entlastung des Rechners.

FreeMemory2

Verständlichkeit, Doku und der ganze Rest

2016-Markus-NicklVor einiger Zeit hatte ich die Ehre (und das Glück), von Kornelius Böcher, einem altgedienten Kollegen aus der Technischen Dokumentation, ausführlich interviewt zu werden. So ein Interview ist ja immer eine tolle Gelegenheit, innezuhalten und einen Blick abseits des Tagesgeschäfts zu tun. Und die Fragen, die mir Kornelius Böcher gestellt hat, haben mich wirklich inspiriert, wieder einmal nachzudenken über unseren Berufsstand und wo die Reise hingehen soll.

Das Interview ist im Praxishandbuch „Technische Dokumentationen“ bei WEKA Media erschienen und nun hat Kornelius Böcher es für alle öffentlich auf seiner Website gepostet. Ich wünsche viel Spaß bei einem Besuch von boedoc.

Verständlichkeitsforschung! Transdisziplinär?

Verständlihckeitsforshcung - Überblick und Zusammenschau

Verständlichkeitsforschung – Überblick und Zusammenschau

Manchmal liegen Bücher bei mir länger zur Rezension auf dem Schreibtisch als mir lieb ist. Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Im Fall von „Verständlichkeitsforschung transdisziplinär“ war es schlicht und einfach – Neugier. Immer wenn ich mit meinem Post beginnen wollte, stieß ich auf diesen einen Aspekt, den ich noch unbedingt vorher durchlesen wollte, oder jene interessante Information, die ich auf jeden Fall noch einmal nachschlagen musste. Lange Rede, kurzer Sinn: das Buch hat mich nachhaltig gefesselt; nicht unbedingt wie ein packender Roman, aber doch mehr als das bei Fachbüchern üblicherweise der Fall ist. Und erst jetzt habe ich mich so weit losreißen können, dass dieser Post erscheinen kann.

Verständlichkeit – ein alter Hut?

Das liegt natürlich auch am  Thema. Ich verrate wahrscheinlich nicht zu viel, wenn ich hier gestehe, dass Verständlichkeitsforschung seit langem ein Steckenpferd von mir ist. Allerdings habe ich in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass das Thema irgendwie zu Ende erzählt ist. Neuere Publikationen – so empfand ich das – variieren entweder lange Bekanntes oder beschäftigen sich mit Detailproblemen der kognitiven Text- und Bildverarbeitung, die sich nur schwer in die Praxis übertragen lassen.

„Ganz schön mutig!“ dachte ich mir deshalb, als Lutz Benedikt mir von seinem Buchprojekt erzählte. Und jetzt bin ich froh, dass er diesen Mut gehabt hat. Denn herausgekommen ist etwas lange Fälliges: Ein intelligent zusammengestellter Überblick über die diversen Strömungen der Verständlichkeitsforschung; ergänzt durch ein eigenes Modell der Verständlichkeit, das bestehende Modelle weiterentwickelt und gleichzeitig praxistauglich bleibt.

Verständlichkeit – neu gesehen!

Das allein wäre schon verdienstvoll genug. Neue Dynamik gewinnt das Thema aber auch durch den Blickwinkel aus unterschiedlichen Disziplinen und daraus, wie Benedikt Lutz zeigt, dass sich die Disziplinengrenzen in der Verständlichkeitsforschung auflösen. Man kann ihm nur zustimmen wenn er schreibt: „Häufig hat die Frage nach der jeweiligen Disziplin [in der Technischen Dokumentation; MN] gar keine Bedeutung mehr, wenn man gemeinsam nach guten Lösungen im Sinne der Anwender sucht.“

Und hier deutet sich auch der dritte Aspekt an, der dieses Buch zu einer gelungenen Lektüre macht: Benedikt Lutz schildert mit großer Sachkenntnis, wie das Thema Verständlichkeit in verschiedenen Berufsfeldern gehandhabt wird. Einziger Kritikpunkt: Bei dem Themenbereich der Softwareentwicklung (Kap. 9) hätte ich mir gewünscht, dass der Autor auch auf den Trend zur agilen Entwicklung eingeht – meiner Ansicht nach eine andere Art auf die Problematik einzugehen, dass es Entwicklern oft schwer fällt, verständliche und verbindliche Entwicklungsdokumente zu produzieren.

Transdisziplinäre Verständlichkeit – für wen?

Benedikt Lutz‘ Buch ist für mich mittlerweile die Einführung in das Thema Verständlichkeitsforschung – ein echtes Must-have. Ich kann das Buch allen empfehlen, die sich auf einem ernsthaften Niveau einen Überblick zum Thema Verständlichkeit verschaffen wollen. Wohlgemerkt: Das Werk ein Fachbuch und kein Ratgeber. Einfaches Rezeptwissen oder Tipps und Tricks sucht man hier vergeblich. Das will und soll das Buch aber auch nicht leisten.

Literatur: Lutz, Benedikt [2015]: Verständlichkeitsforshcung transdisziplinär. Verlag Vienna University Press, Wien, 406 Seiten. ISBN 978-3-84710-453-7

Hinweis: Das hier besprochene Buch wurde uns vom Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Der Verlag hat keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieser Besprechung genommen.

Türkische Kulturwissenschaft für Technische Redakteure?

Fachbuch für Übersetzer. Und für Technische Redakteure?

Fachbuch für Übersetzer. Und für Technische Redakteure?

An dieser Stelle haben wir bereits von der Bedeutung interkultureller Kompetenz bei Technischen Redakteuren gesprochen. Heute liegt ein Buch (Mehmet Tahir Öncü: Kulturspezifische Aspekte in technischen Texten) zur Rezension auf unserem Schreibtisch, das eigentlich für (Fach-)Übersetzer gedacht ist. Mit seiner kulturvergleichenden Analyse von Gebrauchsanleitungen könnte es aber auch eine interessante Quelle für die Technische Redaktion sein.

Fachübersetzer müssen neben fremdsprachlichem Wissen in einem fachlichen Bereich auch über ein Bewusstsein für die kulturellen Besonderheiten der Sprachgemeinschaft verfügen. Wer Land und Leute, Sprache und Kultur kennt, kann Übersetzungsfehler vermeiden.

Eine Hilfestellung für den türkischsprachigen Raum möchte Mehmet Tahir Öncü mit seiner Habilitationsschrift vor allem Übersetzern bieten. Doch auch für Technische Redakteure ist sie ein nützliches Nachschlagewerk, und zwar nicht nur in Bezug auf  türkischsprachige Anleitungen.

Worum geht es?

Öncü setzt sich mit seinem Werk „Kulturspezifische Aspekte in technischen Texten“ zwei ehrgeizige Ziele – gleichzeitig kommt seine Arbeit, laut seinen Worten, einer Pionierarbeit gleich, da es noch kein ähnliches Unterfangen im Bereich des Fachübersetzens gibt:

  • Er möchte neue  Ergebnisse für die systematische Analyse mono- und multilingualer Gebrauchsanleitungen liefern.
  • Er will spezifische Eigenschaften auf Text- und Satzebene von deutsch- und türkischsprachigen Anleitungen aufzeigen.

Öncü richtet sich damit in erster Linie an Fachübersetzer, die für den türkischsprachigen Raum deutsche Gebrauchsanleitungen übersetzen. Dazu untersucht er Gebrauchsanleitungen der beiden Sprachen von nationalen und internationalen Herstellern von Haushaltsgeräten.

Kurzer Vergleich  der deutschen und türkischen Kultur

Das Buch besteht wie jede gute wissenschaftliche Arbeit aus einem Theorie- und einem darauf aufbauenden Empirieteil. Nachdem er den Begriff „Kultur“ im Theorieteil kurz umrissen hat, vergleicht Öncü die deutsche und türkische Kultur mithilfe des häufig für  Analysen zugrunde gelegten Fünf-Dimensionen-Modells nach Hofstede, das (bis dahin) als einziges die türkische Kultur einbezieht.  Die fünf Dimensionen umfassen:

  1. Machtdistanz/Soziale Distanz
  2. Kollektivismus vs. Individualismus
  3. Unsicherheitsvermeidung
  4. Maskulinität vs. Feminität
  5. Langfristige vs. kurzfristige Orientierung

Öncü stellt in seinen Vergleichen fest, dass in nahezu allen Dimensionen Unterschiede in den beiden Kulturen bestehen. Um dem Thema „Übersetzen“ treu zu bleiben, erklärt er danach die Eigenheiten der Übersetzungsmechanismen in Deutschland und in der Türkei. So zeigt er zum Beispiel die unterschiedlichen Einflüsse für Übersetzungen, die durch verschiedene Wahrnehmung von Zeit oder Machtdistanzen entstehen und wie diese die Kommunikation prägen. Nach diesem Einblick in die deutsch- und türkischsprachige Kulturwissenschaft geht Öncü kurz auf universelle und kulturspezifische Eigenschaften von Gebrauchsanweisungen ein. Um seinen Untersuchungsgegenstand „Gebrauchsanleitungen“ definieren zu können, erläutert er Fachtextsorten und deren Konventionen. Öncü definiert die Textsorte „Gebrauchsanleitung“  als Mittel der Massenkommunikation und grenzt sie als Textsorte unter der Sammelbezeichnung „Technische Dokumentation“ ab. Er attestiert dieser Textsorte eine „Kulturgebundenheit“, also eine Abhängigkeit zur jeweiligen Kulturgemeinschaft, für bzw. in der sie verfasst wurde.

Praktische Erkenntnisse für Übersetzer und Technische Redakteure?

Seine Analysen im Empirieteil konzentrieren sich auf die Bereiche der Text- und Satzebene. Vor allem für Übersetzer, aber auch für Redakteure,  sind die Ergebnisse auf Textebene interessant. Hier legt er den Schwerpunkt auf die Makrostruktur, Sprechakte und den Personeneinbezug. Ein beispielhafter Einblick in seine Ergebnisse zum Bereich der Sprechakte:

Es mag manch einen erstaunen, dass die deutschsprachigen Anleitungen der Untersuchung mehr Direktive (Aufforderungen, Befehle, Bitten) aufweisen als die türkischsprachigen. Diese verwenden im Vergleich zu den deutschsprachigen Anleitungen verhältnismäßig mehr Repräsentative, die ja Feststellungen, Beschreibungen, Behauptungen und Vermutungen beinhalten. Öncü deutet dies als Zeichen einer hohen Machtdistanz,  da mit den Repräsentativen eine Art Entwicklerperspektive eingenommen wird und der Anwender den „Entwicklern“ scheinbar weniger dominant gegenübersteht. Die deutschsprachigen Anleitungen stellen analog eine „Anwenderperspektive“ dar.

Fazit: Querschnitt für Übersetzer und Technische Redakteure

Das Buch eignet sich durchaus für Übersetzer bzw. Technische Redakteure, die für den türkischsprachigen Raum arbeiten. Der Leser kann wertvolle Hinweise für die Übersetzung finden – allerdings muss man diese tatsächlich suchen, da sie leider – dem Ziel des wissenschaftlichen Schreibens erliegend – nur schwer im Text aufzufinden sind. Unter den Ergebnissen im Empirieteil finden sich immer wieder nützliche Informationen zu kulturspezifischen Eigenheiten türkischsprachiger Anleitungen. Diese Informationen können auch herangezogen werden, wenn ein Konzept für eine Gebrauchsanleitung für den türkischsprachigen Raum erstellt werden soll.

In diesem Sinne ist das Buch auch Technischen Redakteuren dienlich, die nichts mit der Übersetzung zu tun haben und nicht speziell für den türkischsprachigen Raum Anleitungen erstellen – denn der kleine Rundumschlag Öncüs zu textuellen und sprachlichen Eigenschaften deutschsprachiger Anleitungen kann auch der eigenen Arbeit nützen.

Also: Kein Thema für eine breite Masse; aber hilfreiche Ergebnisse sowohl für deutsch- als auch türkischsprachige Gebrauchsanleitungen. Inwiefern man im Arbeitsalltag darauf zurückgreift, bleibt offen. Im Sinne nutzerorientierter Anleitungen wäre ein belegbarer Zusammenhang zwischen Direktiven und Verständlichkeit interessant; dies war aber nicht im Fokus der Arbeit und verlangt eine andere Zielstellung und Methodik.

Literatur: Öncü, Mehmet Tahir: Kulturspezifische Aspekte in technischen Texten. FFF – Forum Fachsprachen Forschung, Bd. 109. Verlag Franck & Timme, Berlin, 212 Seiten. ISBN 978-3-86596-517-2

Hinweis: Das hier besprochene Buch wurde uns vom Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Der Verlag hat keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieser Besprechung genommen.