Anleiten zur Anleitung

Johannes Dreikorn ist Diplom-Germanist (ja, das gibt es) und Redaktionsleiter bei doctima. Anfang des Monats hat er sich mit einem Blog-Beitrag zu „Styleguides“ bzw. Redaktionsleitfäden zu Wort gemeldet. Ein Thema, das offensichtlich viele Technische Redakteure interessiert. Deswegen habe ich in diesem Interview ein wenig bei ihm nachgehakt.

Redaktions-Leitfaden, Styleguide, Corporate Wording  Begriffe gibt es viele. Welche Bezeichnung bevorzugst du?

Styleguide“ klingt zwar cooler und dynamischer, trotzdem verwende ich am liebsten „Redaktionsleitfaden“. Dieser Begriff macht nämlich am besten klar, dass es um die Ausarbeitung von Inhalten (Corporate Content) geht und nicht um Layout-Fragen (Corporate Design).

Außerdem habe ich gelernt, dass sich die Anwenderzielgruppe Content-Profis (also Technikredakteure und Informationsmanager) mit diesem Begriff am besten identifizieren kann.

Für alle, die Redaktionsleitfäden noch nicht kennen: Was ist das eigentlich und wozu braucht man es?

Ein Redaktionsleitfaden ist ein Nachschlagewerk, das mir sagt, nach welchen Regeln ich bestimmte Texte/Textinhalte verfassen soll. Im Gegensatz zu einer reinen Ansammlung von Regeln ist ein Leitfaden didaktisch so gut aufbereitet, dass er

  • mich durch den ganzen Schreibprozess begleitet (also z. B. nicht nur Fragen der Formulierung beantwortet, sondern auch Tipps zur Planung gibt),
  • nicht nur abstrakt Dinge fordert, sondern die Regeln anhand von Beispielen darstellt und
  • wenig Leseaufwand erfordert. Ich kann ihn auch nur für eine Einzelfrage zur Hand nehmen, und dann wieder beiseitelegen. Er funktioniert damit für Einsteiger wie für Profis.

Insgesamt soll er ein praktischer Helfer sein und ein Inspirator; kein Diktator oder Spaßverderber – und vor allem kein Klotz am Bein.

Wie schaffe ich es, dass der Redaktionsleitfaden genutzt/gelebt wird?

Zunächst einmal: Ohne oder gegen die Leute läuft bei einem Leitfaden gar nichts. Man sollte sich schon genau anschauen, was die Redakteure bisher gemacht haben, wo bei ihnen der Schuh drückt. Idealerweise können die Kollegen sich von Anfang an und während der gesamten Erstellung des Leitfadens einbringen. Das ist eine der wichtigsten Grundlagen für die Akzeptanz und den langfristigen Erfolg.

Dann muss der Leitfaden natürlich didaktisch erstklassig aufbereitet sein. Technischen Redakteuren sollte das eigentlich nicht schwer fallen. Denn letzten Endes ist auch ein Leitfaden nur eine spezielle Form der Anleitung.

Wenn der Leitfaden fertig ist, braucht es eine Einführungsschulung. Darauf bestehe ich in Projekten auch dann, wenn sich der Leitfaden an Textprofis richtet. Und es sollte in regelmäßigen Abständen Fresh-up-Schulungen geben, die Einzelthemen vertiefen und den Redakteuren Raum geben, Änderungsvorschläge und Ideen einzubringen. In großen Teams oder in Unternehmen, in denen Redakteure aus verschiedenen Abteilungen nach dem Leitfaden Texte erstellen, bietet es sich an, ein Forum einzurichten, in dem man sich regelmäßig trifft. Eine Redaktionskonferenz quasi.

Was auch unumgänglich ist, aber in Unternehmen gerne übersehen wird: Ein Leitfaden kann nur dann seine (auch wirtschaftliche) Wirkung entfalten, wenn es jemanden gibt, der den Leitfaden und das dahinter stehende Thema Sprachqualität verantwortlich betreut. Zu den Aufgaben gehören die Pflege und Weiterentwicklung der Sprachregeln und des Leitfadens, eine regelmäßige Ergebniskontrolle, Organisation der Schulungen und Foren, Ansprechpartner sein für die Redakteure und nicht zuletzt die Aufgabe als Promotor innerhalb des Unternehmens. Das finde ich persönlich eine der reizvollsten Aufgaben, die ich mir im Bereich der Technischen Redaktion vorstellen kann.

Wie lange war eigentlich der umfangreichste Leitfaden, den du erstellt hast?

Der hat inklusive Titelblatt genau 171 Seiten.

Das klingt erst einmal nach viel Leseaufwand, aber wie ich gerade ja schon gesagt habe: Wenn ein Leitfaden systematisch als Nachschlagewerk konzipiert ist, ist die absolute Länge erst einmal kein Faktor.

Und was an diesem Leitfaden noch besonders ist: Er dokumentiert nicht nur die Schreibregeln, sondern erklärt zusätzlich den Dokumentationsprozess.

Was hilft besser: Sprachprüf-Software oder Redaktionsleitfaden?

Wenn Du mich zwingst, mich für eines von beiden zu entscheiden, fällt meine Wahl eindeutig auf den Redaktionsleitfaden. Denn der Leitfaden setzt früher und grundsätzlicher als Software an und „kann“ Dinge, die kein Sprachprüfprogramm der Welt je leisten wird. Dazu gehören z. B. die planerischen Fragen, die der Formulierungsarbeit vorausgehen: Was sind meine Informationsziele? Was braucht meine Zielgruppe? Welche Aufbereitungsart wähle ich für die Inhalte? Was ist eine logische Reihenfolge, die beste Struktur für meinen Text?
Insgesamt also: Zielgruppenfragen und strukturelle Fragen.

Das kann keine Software entscheiden, das ist meine intellektuelle Leistung als Redakteur. Und mich dabei zu unterstützen und in diesem Prozess regelkonform zu arbeiten, das ist Aufgabe des Leitfadens.

Natürlich: Es gibt viele Detailregeln im Bereich der Stilistik und der Terminologie (Satz- und Wortebene), die man in einem Redaktionsleitfaden nur sehr schwer in voller Breite darstellen kann – das sollte man gar nicht erst versuchen, da kommen Monsterleitfäden raus, die keiner mehr zur Hand nehmen will.
Hier hat Sprachprüf-Software ihre Stärke, weil sie diese Bereiche sehr gut operationalisieren kann und die ganzen Details sehr gut prüft.

Optimal für eine Redaktion ist es also, wenn beides vorhanden ist: Ein Leitfaden, der den Autoren hilft Texte zielgruppen- und regelkonform zu planen und zu strukturieren. Und eine Sprachprüf-Software, die dabei unterstützt, die vielen Detailregeln im Bereich von Stilistik und Terminologie einzuhalten.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch, Johannes

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