Endlose Weiten – Wortlänge als Problem

Rinder Petra Dirscherl / pixelio.deIn letzter Zeit bin ich immer wieder über das „Rindfleischetikettierungs-überwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ gestolpert. Nicht weil es mich irgendwie betrifft und auch nicht, weil es aktuelle Probleme damit gibt (Im Gegenteil: Es wurde gerade aufgehoben). Sondern, weil es angeblich das längste Wort Deutschlands ist.

Was ist eigentlich ein Wort? Und was ist lang?

Warum verwenden wir in Deutschland eigentlich so eigentümlich lange Wörter? So einfach die Frage klingt, so schwer ist die Antwort. Das hängt zunächst einmal damit zusammen, dass gar nicht so leicht zu entscheiden ist, was ein Wort ist. Wir lassen uns da oft von der Schreibung leiten: „Halt alles, was zusammengeschrieben wird.“ Das führt dann aber zu seltsamen Effekten, denn nach dieser Logik ist „abtrennen“ ein Wort; „[ich] trenne ab“ aber zwei Wörter. Das gleiche Phänomen gibt es auch zwischen Sprachen. Das deutsche „Goldfisch“ besteht aus neun Buchstaben, das englische „gold fish“ ebenfalls. Jetzt kann man natürlich einwenden, dass das englische Beispiel aber zwei Wörter sind. Strukturell ist „gold fish“ jedoch tatsächlich nur eines, denn ich kann z. B. nichts zwischen „gold“ und „fish“ einschieben, ohne dass der Ausdruck die Bedeutung verliert: „gold and silver fish“ bedeutet eben nicht mehr Goldfische und Silberfische, „red and blue fish“ aber durchaus noch rote Fische und blaue Fische. Manchmal sind kurze Wörter also nur durch Leerzeichen unterbrochen – die Konzepte dahinter bleiben genauso komplex.

Problem vom Fach

Auffällig ist außerdem, dass viele lange Wörter einen fachlichen, oft einen behördlichen Hintergrund haben. Das gilt zum Beispiel auch für die „Grundstücks­verkehrs­genehmigungs­zuständigkeits­übertragungs­verordnung“ (GrundVZÜV, 67 Buchstaben). Und meist bringen diese Wörter auch gleich Ihre eigene Abkürzung mit, denn tatsächlich verwenden auch Fachleute die Langform nur selten. Hinter den ungewöhnlichen Benennungen steckt wohl oft der Versuch, möglichst präzise und umfassend den dahinter liegenden Sachverhalt wiederzugeben. In den extrem langen Beispielen, die wir immer wieder in der Presse finden, können wir also weniger eine allgemeine Eigenschaft des Deutschen beobachten als vielmehr das sprachliche Bedürfnis die Marotte einer Berufsgruppe, die in dieser Form schon lange und stabil besteht. Jedenfalls lässt sich in den letzten hundert Jahren weder eine Steigerung der langen Komposita beobachten, noch ein Schwinden. Die Chance, dass sich in einer derart stabilen sprachlichen Nische etwas ändern lässt, ist dem entsprechend gering.

Warum tun wir das also?

Die ehrlichste Antwort darauf ist wohl: „Weil wir es können!“ Unsere Sprachstruktur lässt es zu, dass wir durch Aneinanderhängen problemlos neue Worte bilden können, Aspekte zueinander in Beziehung setzen und dadurch spontan etwas als „einigermaßen festes und bleibendes Konstrukt“ darstellen können, was durch einen Satz lediglich als einfacher Sachverhalt ausgedrückt würde: Bei der „Baustelle in der Dorfstraße“ hofft man unwillkürlich, dass sie bald behoben ist; die „Dorfstraßen-Baustelle“ wird uns wohl noch eine ganze Weile auf die Nerven gehen.

Dieses spontane Neubilden von Wörtern beherrschen natürlich nicht nur wir Deutschen; und wir sind darin auch bei weitem nicht die Bemerkenswertesten. Das Inuit-Wort „tusaatsiarunnanngittualuujunga“ beispielsweise bedeutet „Ich kann [dich] nicht gut hören!“ In polysynthetischen Sprachen wie dem Inuit ist „spontane“ Wortbildung der Normalfall, viele Wörter werden nur einmal in einer bestimmten Situation verwendet und danach nie wieder. Dennoch haben die Inuit (bzw. Eskimo) kein Problem mit der Verständlichkeit ihrer „langen“ Wörter.

Was bleibt zu tun?

Was bleibt also für uns „berufliche Schreiber“ zu tun? Man liest ja immer wieder den Tipp, kurze Wörter zu verwenden, um möglichst einfach zu schreiben. Ich würde diesen Tipp ein wenig modifizieren.

  1. Lange Wörter können ein Anzeichen für Fachsprache sein (und die hat ihre ganz eigenen Verständlichkeitsprobleme). Lange Wörter sind dann kein Problem, solange sich die Fachtexte an Fachleute richten. Für Laien muss man hier nachhelfen.
  2. Die Länge in Buchstaben hat eigentlich nur wenig Einfluss auf die Verständlichkeit von Wörtern. Spannender ist die Komplexität der einzelnen Wortbestandteile und wie eindeutig die Beziehungen der Bestandteile zueinander erkennbar sind. „Grundabgabenbescheid“ ist zum Beispiel nicht länger als „Grundschulunterricht“. Dennoch ist es schwerer zu verstehen, weil an der äußeren Wortform nicht zu erkennen ist, ob es ein „Bescheid zu den Grundabgaben“ ist oder ein „grundlegender Abgabenbescheid“.

 

3 Gedanken zu „Endlose Weiten – Wortlänge als Problem

  1. Zwei Anmerkungen zu den »extralangen« Wörtern:

    1. Die Länge hat in meinen Augen sicherlich einen (negativen) Einfluss auf die Lesbarkeit von Wörtern. Lange Wörter sind einfach unhandlich – sowohl beim Lesen/“Scannen“ als auch beim Schreiben. Da helfen bisweilen Trennstriche ein wenig, sind aber sicherlich kein Allheilmittel. Fachleute greifen deshalb bei Term-Ungetümen mit Vorliebe auf Abkürzungen zurück.

    2. Die Lesemotivation (so beobachte ich das bei mir) sinkt mit zunehmender Wortlänge dramatisch. Wenn ein Text also gelesen (oder sogar genossen) werden soll, empfiehlt sich also das Umformulieren.

  2. „Schmiernippelwartungskongress“

    Jeder kann ohne Weiteres solche Wortbildungs-Exzesse bilden, weil es, wie der Autor richtig feststellt und betont, das Deutsche einfach hergibt. Deutsch hat nahezu unbegrenzte Wortbildungsmöglichkeiten – da sind die Komposita nur der Anfang, die wahre Power steckt wohl in den Derivata: „effektunumkehrbar“ etc.

    Übrigens auch in Österreich, der Schweiz und, und, und.

    Die spannende Frage ist hierbei kaum die Verständlichkeit für Muttersprachler/kompetente Sprecher des Deutschen. Das ist keine Hürde. Eher geht es um Probleme der Übersetzung, Getrennt- und Zusammen-Schreibung oder Valenz. Ist eine „Massivmarmorhaltevorrichtung“ eine „Haltevorrichtung für massives Marmor“ oder eine „Haltevorrichtung aus Marmor für“ z.B. Getränkedosen?

    Da wird es dann wirklich kompliziert, insbesondere für die Jünger automasierter Übersetzung, äh Automationsübersetzbarkeit. 🙂

  3. Behördensprache hatte meiner Erfahrung nach noch nie das Ziel, für die Allgemeinheit verständlich zu sein. Jedes behördliche Formular ist selbst für gebildete Menschen immer wieder eine Herausforderung. Die langen Wörter sind dabei nur ein Teil des Problems und sind sicher beabsichtigt.

    Neben der Verständlichkeit bringen die Bandwurmwörter aber in mobilen Zeiten noch andere Probleme mit sich: wie zwingt man sie dazu, auf kleinen Bildschirmen so umzubrechen, dass keine häßlichen Lücken entstehen?

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