Tagebuch des Linguistik-Studenten – Teil 3: Waidmanns Heul mit LanguageTool

Jagd nach dem Fehlerteufel (c) Ich-und-Du / pixelio.deNach dem theorielastigen Philosophieren (eine verbreitete Sucht unter Geisteswissenschaftlern), habe ich mich heute mit etwas Praktischem beschäftigt. Was bedeutet jetzt praktisch unter Linguisten? Zum Bleistift auf die Jagd gehen: Texte von grammatischen Ungereimtheiten befreien. Dabei kann man verschiedene Arten von Fehlern unterscheiden, je nachdem auf welcher linguistischen Beschreibungsebene das Malheur herumfleucht.

Das Beuteschema

Ein Fehler in der Morphologie (Lehre von der Gestalt der Wörter) kann der Einsatz einer unpassenden Flexionsform sein: Ess auf! – Die korrekte Imperativ von essen lautet im Singular iss.

Syntaktische Fehler (Syntax: Lehre von der Verknüpfung der Wörter) tauchen sehr häufig innerhalb der Kongruenzbeziehung zweier Elemente auf: Suche treue Mann – Das Adjektiv treu ist in seiner Deklination nicht korrekt auf das unbestimmte, maskuline Substantiv Mann angepasst.

Ein lexikalischer Fehler liegt dann vor, wenn das falsche Wort verwendet wird. Wir Deutschen sind ein manipulatives Volk – Gemeint war aber, dass die Deutschen leicht zu beeinflussen seien (aus einem Internetbeleg einer Untersuchung zu „privatem Internet-Alltagsdeutsch“ von Dieter E. Zimmers „Sprache in Zeiten Ihrer Unverbesserlichkeit“).

Bello, such!

Nun gibt es  schon seit geraumer Zeit Programme, die einem bei der Fehlerjagd unter die Arme greifen sollen – jetzt auch in Open Source: LanguageTool (http://languagetool.org) – ein kostenloses Helferlein, welches verspricht, mehr draufzuhaben als ein einfacher Spell-Checker. Es kann als Erweiterung für Apaches OpenOffice bzw. für LibreOffice oder aber als Firefox-Plugin installiert werden. Als arbeiten-schreibender Student brauche ich ein Korrekturprogramm in meinem Office-Editor, woran ich als Sprachaffiner hohe Ansprüche stelle. Sollte sich LanguageTool als Alphatier unter den freien Grammatiktools beweisen, würde ich es anstatt der eingebauten Funktion der freien Office-Editoren verwenden.

Hyper-Jagdgründe

Nun fuhrwerke ich auch häufiger mal im Web herum und frage mich deshalb: Wozu soll eine Sprachkorrektur im Browser gut sein? Eine fertige Internetseite will niemand ernsthaft auf sprachliche Fehler prüfen, effiziente Grammatikprüfung muss im Schreibprozess integriert sein. Doch die ökologische Nische für unser Raubtier sind Web-Content-Management-Systeme. Von WordPress bis Typo3, meist bekommt man einen Rich-Text-Editor im Browserfenster vorgesetzt, für den Grammatik ein Fremdwort ist. Hier wäre LanguageTool als kompaktes Grammatik-Helferlein für alle webbasierten Texteditoren Gold wert.

Zwölfender oder taube Nuss?

Nach einem kurzen Test wird klar, dass lexikalische Fehler nicht von LanguageTool gefunden werden können, da es nur Wortformoberflächen berücksichtigt und keine Wortbedeutungen kennt. Unser morphologischer Fehler in Ess auf! wird sofort rot unterringelt. In Suche treue Mann wird jedoch kein Fehler aufgespürt – auch nicht mit vorangestelltem Ich als Subjekt. Erst mit dem unbestimmten Artikel wird eine treue Mann als fehlerhaft gekennzeichnet. Auch wenn Idee des Browserplugins ein gewisses Potenzial hat, so ist die grammatische Prüfung unter dem strengen Blick des Linguisten doch eher die sprichwörtliche taube Nuss. Es bleibt nun zu hoffen, dass die Köche der LanguageTool-Community noch in den sauren Apfel beißen, dann in die Hände spucken, hoffentlich ins Schwarze  treffen und den Brei schließlich nicht verderben.

5 Gedanken zu „Tagebuch des Linguistik-Studenten – Teil 3: Waidmanns Heul mit LanguageTool

  1. Als Texter, der sich vor der Sprachwissenschaft immer gedrückt hat, muss ich sagen: Zwar wäre ich ganz happy wenn ein solches Programm wirklich verlässliche Ergebnisse liefern würde. Habt ihr die Ergebnisse mal mit MS Word verglichen? Es scheint, dass das Tool auch nicht mehr findet, als MS Word.
    LG, Thomas

    • Wenn ich die im Beitrag erwähnten Beispiele in Word teste, wird mir Ess auf! als Rechtschreibfehler markiert – Im kurzen Satz Suche treue Mann wird das treue als Grammatikfehler grün unterringelt. Allerdings sind die Verbesserungsvorschläge höchstens Vorschläge, aber keine Verbesserung: Ess zu Essen und treue zu treuer – hier hat auch Word noch Defizite. Die größere Zukunftsperspektive sehe ich beim LanguageTool, da hier mit starkem Fokus auf Sprache weiterentwickelt wird.

    • Das hängt vom Standpunkt ab, vermute ich mal. Gemeint war „Wir Deutschen sind ein manipulierbares Volk.“ Was ja dann das „zu manipulieren“ wieder vereinfacht.

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