Information 4.0: Gut aufgestellt und kräftig herausgefordert

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Die Herausforderung wartet…
(c) Martin Büdenbender / pixelio.de

„Information 4.0“ war ja das Leitthema der tekom-Frühjahrstagung in Darmstadt, von der ich vor Kurzem hier schon einmal berichtet habe. Was steckt aber hinter diesem Begriff? Und was bedeutet er für die Dokumentations-Branche, in der wir von doctima ja auch zuhause sind?
Auf der Rückfahrt von Darmstadt habe ich mit meinem Kollegen Edgar Hellfritsch angeregt und auch kontrovers darüber diskutiert. Hier unser Fazit.

Kurze Begriffsklärung
Information 4.0 – was bedeutet das? Kurz gesagt: Unter diesem Schlagwort subsummieren sich all die Anforderungen und Anpassungen im Bereich der Produktdokumentation, die sich aus dem Konzept (Vorsicht: schon wieder Schlagwort) „Industrie 4.0“ ergeben. Also jener erwarteten vierten industriellen Revolution, die sich aus der „Informatisierung der Fertigungstechnik“ergibt.
Wie kann man sich die „Information 4.0“ konkret vorstellen? Dazu ein einfaches Beispiel: Das Bordhandbuch eines Autos wird heute komplett von einem Technischen Redakteur zusammengestellt; er sorgt vor Auslieferung dafür, dass das Handbuch nur die modellspezifischen Informationen enthält. Diese Aufgabe der modellspezifischen Zusammenstellung übernimmt unter Bedingungen der „Industrie/Information 4.0“ das Auto selbst. Dafür werden jedem Bauteil (oder jeder Baugruppe) alle benötigten Anwenderinformationen direkt mitgegeben; es gibt also gar kein fixes Bordhandbuch mehr. Will man im Auto zum Beispiel etwas zur Klimaanlage wissen, holt sich das Informationssystem des Autos zum Zeitpunkt der Anfrage alles Notwendige direkt von der entsprechenden Baugruppe. Und wird die Baugruppe ausgetauscht, steht automatisch auch die korrekte neue Dokumentation zur Verfügung.

Was bedeutet das für die Technische Redaktion?

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Vernetzte Produktion.
(c) KUKA Systems GmbH – CC-BY-SA-3.0

Das klingt für den ein oder anderen vielleicht noch sehr nach Zukunftsmusik. Aber der Wandel zur „Industrie 4.0“, der die „Information 4.0“ nach sich zieht, ist bereits im Gange. Das hat nicht zuletzt die Keynote von Prof. August-Wilhelm Scheer auf der tekom-Frühjahrstagung gezeigt. Es ist also der richtige Zeitpunkt, das Thema (frühzeitig) in jener Zunft anzugehen, die im Produktionsprozess gerne vergessen wird: der Technischen Redaktion.

Von der tekom-Tagung sind wir mit dem Eindruck zurückgekehrt, dass aber besonders die Technische Redaktion an einigen wichtigen Punkten schon gut aufgestellt ist. Zumindest, wenn sie auf Höhe der Zeit betrieben wird:

  • Der Tatbestand eine fast kompletten Modularisierung, die den Produktionsprozessen noch bevorsteht (Stichwort „Losgröße 1“), ist für uns in der Technischen Redaktion nichts Neues. Damit beschäftigen wir uns im Grunde schon seit gut 15 Jahren. Hier ordnen sich Erfassungsstrategien und -technologien wie Regelbasiertes Schreiben und Content-Management-Systeme nahtlos ein.
  • Die Produktionsprozesse 4.0 leben von der Selbstbeschreibung der verarbeiteten Produkte und Komponenten. Selbstbeschreibung bedeutet für die Technische Kommunikation den systematischen Einsatz von Metadaten bzw. semantischen Ontologien. In professionellen Redaktionsprozessen sind diese Technologien heute geübte Praxis.
  • Unter dem Schlagwort „Content Delivery“ etablieren sich in der Technischen Redaktion in jüngster Zeit Lösungen für die intelligente Verteilung von technischen Informationen. Auch dieses Wissen kann direkt produktiv werden.

So weit ein paar – zugegeben sehr konzentrierte – Stichpunkte zur Habenseite. Natürlich sind diese Themen alles andere als trivial. Wer als Unternehmen hier Nachholbedarf hat, sollte sich jetzt auf den Weg machen. Nicht nur, um „irgendwann später“ einmal für die Industrie 4.0 gewappnet zu sein. Vielmehr geht es darum, die organisatorischen und wirtschaftlichen Potenziale zu nutzen, die in modernen und sauber konzipierten Redaktionsprozessen liegen.

Drei große Herausforderungen

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(c) Markus Vogelbacher / pixelio.de

Daran muss aus unserer Sicht die Technische Redaktion noch arbeiten, soll das mit der Information 4.0 wirklich klappen:

  • In Vorträgen auf der tekom-Tagung ist es eher lapidar angesprochen worden: Für das Modell Information 4.0 muss „halt noch“ ein einheitliches und natürlich verbindliches Informationsmodell verabschiedet werden. Also ein Standard wie DITA oder AutomationML. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die verteilt erstellten Informationen grundsätzlich kompatibel sind. Was allen Beteiligten aber klar sein muss: Einfach wird dieser Prozess der Abstimmung und Vereinheitlichung ganz sicher nicht.
  • Information 4.0 verstärkt den Trend zur produktzentrierten und bis zur Sinnlosigkeit standardisierten Dokumentation. Wir bei doctima betrachten diese Entwicklung schon länger mit Sorge. Wo bleibt in dieser Denke der Anwender mit seinen Informationsbedürfnissen, die sich ganz sicher nicht an der Produktstruktur ausrichten und vielmehr individuell und experimentell geprägt sind?
  • Stichwort „Sicherheit“: Wo Produktions- und Informationsprozesse webbasiert laufen sollen, darf es in Sachen Sicherheit keine Lücken geben. Auch hier gibt es ganz viel zu tun.

Wir wünschen uns, dass die Technische Kommunikation den Weg zur Industrie 4.0 selbstbewusst und aktiv mitgestaltet. Unsere Branche hat zum einen schon viel Erfahrung gesammelt – und zum anderen müssen wir als TR-Verantwortliche selbst dafür sorgen, dass unsere Belange auch wirklich berücksichtigt werden.

Was stehen Sie zur „Information 4.0“?
So weit eine Zusammenfassung unserer Beobachtungen und Gedanken. Wie stehen Sie zu diesem Thema? Ist es für Sie nur ein Buzzword? Oder haben Sie schon Erfahrungen mit so gestalteten Informationsprozessen? In diesem Sinne „Kommentar frei“ für eine angeregte Diskussion.

Ein Gedanke zu „Information 4.0: Gut aufgestellt und kräftig herausgefordert

  1. Super Zusammenfassung, vielen Dank! Ich denke auch, dass Technische Redakteure gut aufgestellt sind – Module, Metadaten und variantengerechte Publikation sind uns schon längst vertraut. M.E. wird jedoch der Bedarf nach einer Standardisierung von Formaten, Taxonomien und Ontologien für technische Inhalte noch grob unterschätzt und nicht hinreichend erforscht. Ein weiterer Faktor sind standardisierte Schnittstellen zu weiteren Systemen, die Informationen zu einem Produkt oder einer Komponente tragen: Ersatzteilverwaltung, ERP, Produktinformationsmanagement, Konstruktion… Wir sehen in unseren Projekten hier viele verschiedene Formate und Beschreibungssprachen, die gar nicht zusammengehen. Nie hat man alle Informationen auf einmal im Zugriff. Da gibt es noch viel Arbeit. Aber das Schöne daran ist, dass wir als Experten für Kommunikation und Strukturierung gut mitwirken können. Wir müssen uns nur lauter bemerkbar machen.

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