Barrierefreie Kommunikation: ein Handbuch (Buchrezension)

Von Bahnhöfen über Duschkabinen bis zu Internetseiten – dem Schlagwort „Barrierefreiheit“ begegnet man seit einigen Jahren in fast allen Lebensbereichen.

Mit dem „Handbuch Barrierefreie Kommunikation“ ist nun ein 800-seitiges Kompendium erschienen, das den vielschichtigen Bereich der zwischenmenschlichen Verständigung unter diesem Aspekt behandelt. Wie gut das gelingt und wer von diesem Handbuch profitieren kann – wir haben es uns genauer angeschaut.

Was steht drin?

Das Handbuch enthält rund 40 Beiträge, die thematisch in fünf Sektionen gruppiert sind. Neben einer Sektion „Einleitung und Überblick“ (der Name ist Programm) sind dies:

  • Anforderungen an Wahrnehmbarkeit und Verständlichkeit:
    Die neun Beiträge dieser Sektion behandeln verschiedene Rahmenaspekte des Themenbereichs „barrierefreie Kommunikation“. Neben einem guten, einleitenden Überblick über die verschiedenen Kommunikationsbarrieren, Wahrnehmungs- und Verstehenseinschränkungen und die davon Betroffenen werden u. a. Aspekte der Verständlichkeitsforschung erörtert und die kommunikative Situation verschiedener Gruppen (blinde/sehbehinderte, gehörlose/schwerhörige, geistig behinderte Menschen) behandelt. Auch die Gesetzeslage zur barrierefreien Kommunikation wird vorgestellt, denn mit der gesetzlichen Forderung der Gleichbehandlung von Behinderten ergeben sich vor allem für öffentlich-rechtliche, aber auch für privatwirtschaftliche Einrichtungen Verpflichtungen, die auch die Kommunikation betreffen.
  • Formen der barrierefreien Kommunikation:
    In den acht Beiträgen dieser Sektion werden die verschiedenen Kommunikationsformen einzeln eingeführt. Leichte Sprache, Schriftdolmetschen und Untertitelung, Apparategestützte Systeme (wie Eye-Tracking oder EEG-Messungen) und Hilfsmittel der Unterstützten Kommunikation, Gebärdensprachdolmetschen und Community Interpreting für Personen mit Deutsch als Zweitsprache werden vorgestellt und die wichtigsten Merkmale dieser Verfahren und Techniken genannt.
  • Mediale Bereiche und Textsorten:
    Mit 15 Beiträgen ist dies die umfangreichste Sektion; hier liegt der Fokus auf Möglichkeiten zur Umsetzung der bereits genannten Kommunikationsformen. Vorgestellt werden ganz unterschiedliche Einsatzbereiche; nur einige davon sollen hier genannt werden, um die Breite des Spektrums anzudeuten: Audiodeskription bei Filmen, barrierefreies Webdesign, Abbau kommunikativer Barrieren in Museen und Ausstellungen, barrierefreie Kommunikation in der Verwaltung oder im medizinisch-pharmazeutischen Bereich bei Packungsbeilagen u. a. m. Die Themen werden teils auf relativ allgemeiner Ebene, teils mit Bezug auf ganz konkrete Einzelprojekte (z. B. ein inklusives Theaterprojekt an der Universität Hildesheim) behandelt. Bei der Auswahl der Themen ist nicht unmittelbar ein System zu erkennen, das Plus liegt aber in ihrer Vielfalt. Während die Beiträge der vorhergehenden Sektionen überwiegend von Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern verfasst sind, sind in dieser Sektion auch Autorinnen und Autoren vertreten, die in praktischen Anwendungsfeldern für barrierefreie Kommunikation beruflich tätig sind, bspw. in redaktionellem Kontext oder als Dienstleister.
  • Stimmen aus der Praxis:
    Alle neun Beiträge dieser kurzen, abschließenden Sektion stammen, soweit ersichtlich, aus der Feder von Praktikerinnen und Praktikern und teilweise von selbst Betroffenen. Sie berichten in diesen Texten von ihrer beruflichen Tätigkeit, aber auch von privaten Erfahrungen und Wünschen. Dies ermöglicht teilweise erhellende Einblicke insbesondere für alle, die nicht selbst auf eine barrierefreie Umgebung angewiesen sind.

An wen richtet sich das Buch?

Obwohl im Impressum als Erscheinungsjahr „2019“ steht, ist das Handbuch bereits im Herbst 2018 erschienen, und das hat einen Grund: Konzipiert ist es als Begleitlektüre zum Masterstudiengang „Barrierefreie Kommunikation“ an der Universität Hildesheim, der zum Wintersemester 2018/19 startete. Ein großer Teil der Leserschaft wird sich daher aus Studierenden rekrutieren, bei denen umfangreiches Fachwissen zu diesem Thema noch nicht vorausgesetzt werden kann.

Dies merkt man den Texten auch an: Obwohl sie fachlich-wissenschaftlich gehalten sind, sind sie inhaltlich nicht zu komplex und auch ohne spezialisiertes Vorwissen gut verständlich. Die Beiträge sind meist um die 20 Seiten lang und haben den Charakter von Überblicksdarstellungen; auf weiterführende Literatur und konkrete, detailliertere Studien wird verwiesen. An mancher Stelle findet man aber auch einen Hinweis darauf, dass es für einen Barrieretyp und eine Betroffenengruppe noch keine gesicherte Kommunikationslösung gibt, Studien noch durchgeführt werden und Ideen sich noch in der Praxis bewähren müssen. Hier merkt man, dass das Thema als komplexer Forschungsgegenstand relativ neu ist, was für die Wissenschaft viele Untersuchungsmöglichkeiten eröffnet – für die Praxis liegt aber oft noch keine eindeutige Handlungsempfehlung vor. Dazu kommt außerdem, dass unterschiedliche Betroffenengruppen oft auch unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Anforderungen an Kommunikation und Hilfsmittel haben.

Und in der Praxis?

Insgesamt liegt mit diesem Handbuch also keine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Erreichen barrierefreier Verständigung vor, sondern ein einführendes Grundlagenwerk, auf dessen Fundament weiter aufgebaut werden kann – beispielsweise mit Fokus auf einzelne Kommunikationsformen.

Lohnt sich die Lektüre dann überhaupt für den Praktiker, die Praktikerin? Nach meiner Einschätzung durchaus, denn das Handbuch vereint mehrere Punkte, die es insgesamt zu einem Gewinn für alle machen, die sich mit Kommunikation beschäftigen:

  • Es versammelt Informationen über eine Vielzahl von Formen barrierefreier Kommunikation und eignet sich damit gut als Ausgangspunkt bzw. zum Einstieg in ein Thema. (Noch besser würde es sich dafür eignen, wenn es auch ein Stichwortregister hätte – dieses fehlt allerdings.)
  • Mit den verständlich geschriebenen und von der Länge überschaubaren Beiträgen, die auch jeweils einzeln für sich gelesen werden können, sind die auf den ersten Blick etwas furchteinflößenden 800 Seiten in handliche Einheiten portioniert.
  • Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Praxis sowie Betroffene selbst kommen zu Wort und beleuchten den Themenkomplex aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
  • Die „Stimmen aus der Praxis“ ergänzen die ansonsten – vollkommen angemessen – sachlich-wissenschaftlich gehaltenen Beiträge um Einblicke aus der Innenperspektive, die man sonst schwer erhält.

Wenn auch keine Anleitungen, so bietet das Handbuch doch Anregungen und Gedankenanstöße zu einem Thema, das in unserem Alltag und auch unserer Arbeit zukünftig sicherlich noch an Bedeutung zunehmen wird.

Hinweis: Das hier besprochene Buch wurde uns vom Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Der Verlag hat keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieser Besprechung genommen.

Literatur: Christiane Maaß / Isabel Rink (Hrsg.): Handbuch Barrierefreie Kommunikation (Kommunikation – Partizipation – Inklusion, Band 3). Berlin: Frank & Timme, 2019. 800 Seiten. EUR 49,80. ISBN: 978-3-7329-0407-5.

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