Tagebuch des Linguistik-Studenten – Teil 2: Das IKEA-Prinzip

Es gibt auch Zeiten, da wir Studenten mal nicht an einem druckfrischen Bücherregal in spe verzweifeln, gekauft im skandinavischen Möbelhaus unseres Vertrauens. Dann machen wir uns Gedanken über die wirklich spannenden Dinge des Lebens – z.B. Textverstehen.

Fast jeder tut es den ganzen Tag

(c) CBIdesign / sxc.huTexte lesen, ihren Sinn erkennen und die gewonnen Informationen nutzen wir ständig. Das ist selbstverständlich und funktioniert automatisch, seit man das Lesen in der Schule gelernt hat. Doch was ist ein Text überhaupt? Im Wesentlichen handelt es sich um sprachlich kodierte Information. Es sind die niedergeschriebenen Gedanken eines Autors, der das Ziel hat, damit eine Gruppe von Lesern zu erreichen und bei ihnen zu wirken.

Lesen = Denken?

Um den Weg der Information vom Autor über den Text zum Leser vollends zu verstehen, stellen die modernen Theorien des Textverstehens die beteiligten Denkprozesse, die Kognition, in den Mittelpunkt. Beim Lesen findet der Aufbau eines Gedankenmodells statt. Dieser Aufbau geschieht durch ein Wechselspiel von Textinformation und Vorwissen des Lesers. Die neue Information wird auf Basis des Vorwissens interpretiert und kann nur aufgenommen werden, wenn sie sich an die Wissensstruktur des Lesers anfügen lässt. Spielen wir ein kleines Gedankenspiel.

Szenario: Möbelversand

Der Verkäufer (Der Autor) möchte Fritz (dem Leser) ein praktisches Regal (einen informativen Text) verkaufen. Der Verkäufer beschafft sich die Materialien (eignet sich Wissen an). Dann überlegt er sich, wie man ein Regal baut (plant die Struktur des Texts). Er erkennt, dass man das Regal nicht im Ganzen verschicken kann, da es viel zu groß wäre (Der Text kann nicht alle Hintergrundinformationen, die ‚Allgemeinbildung‘, erklären). Deshalb erstellt er einen Bausatz (einen kompakten Text) und legt eine Anleitung bei (ordnet die Informationen des Textes in einer nachvollziehbaren Weise an).

Ist der Bausatz zusammengestellt (Text geschrieben), wird er versandt (Äußerung des Texts) und kommt bei Fritz an (Lesen des Texts). So weit, so gut.

Mit Hammer, Holzleim und Lesebrille

Fritz holt nun sein Werkzeug (er hat Vorwissen) und versucht die Teile zusammenzubauen (baut ein gedankliches Modell aus dem Text auf). Der erste Anlauf klappt nicht – nach kurzem Suchen findet er noch ein paar Schrauben in der Schachtel (hat ein Detail im Text überlesen/vergessen). Er versucht es nochmal, aber das Regal sieht schief aus, also überlegt er, was nicht stimmt (er denkt über eine seltsame Passage im Text nach). Er erkennt, dass er es falsch zusammengebaut hat, baut es noch einmal auseinander und wieder zusammen (Liest einen Teil des Texts nochmal). Schließlich stellt er das Regal in seiner Wohnung auf (er merkt sich die neue Information und bindet sie in sein Weltbild ein). Das Regal gefällt Fritz, er nutzt es und hält es in Schuss (eignet sich weitere Detailinformationen an, die auf den Text aufbauen). Würde es ihm nicht gefallen, hätte er es nach einiger Zeit wahrscheinlich wieder entsorgt (hätte er die gewonnene Information wieder vergessen).

Was stehenbleibt

In diesem Gedankenspiel ist der Erfolgsfaktor letztendlich die Anleitung des Bausatzes. Außerhalb unseres Beispiels heißt das: Ein verständlicher Text muss derart verfasst werden, dass der Leser die Informationen in nachvollziehbarer Reihenfolge und Struktur bekommt und sie auf sein Vorwissen abgestimmt sein sollten: So wird der kognitive Aufwand beim Leser minimiert.

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