Standardwerk oder Staubfänger? (Buchrezension)

DIN-VDE-Taschenbuch 351 „Technische Dokumentation – Normen für technische Produktdokumentation und Dokumentenmanagement“ Das DIN-VDE-Taschenbuch 351 „Technische Dokumentation – Normen für technische Produktdokumentation und Dokumentenmanagement“ ist Mitte 2018 in seiner fünften Auflage erschienen. Es versammelt 21 Dokumente – 20 Normen und eine Technische Regel – und liefert damit nach eigenen Angaben „alle Strukturelemente, die für Aufbau und Pflege einer technischen Produktdokumentation benötigt werden“.

Standardwerk oder Staubfänger? – Wir haben geprüft, ob sich die Anschaffung des Bandes lohnt, und unsere Technischen Redakteurinnen und Redakteure verraten kurz und knapp, wie sie die Sammlung persönlich bewerten.

Ein Kilo Normen zum Schnäppchenpreis

774 Seiten Normen, etwas mehr als ein Kilo schwer, zum Preis von knapp 200 Euro. Etwas wuchtig, aber dank des DIN-A5-Formats doch noch handlich kommt der Band daher. Vor- und Nachspann sind kurz gehalten (Letzterer enthält ein knapp 10-seitiges Stichwortverzeichnis); den Großteil bilden die Normtexte. Dabei handelt es sich um Originaltexte, die hier ohne Kommentare o. ä. als Sammlung veröffentlicht werden. Inhaltlich bewegen sie sich in den Bereichen Dokumentations- und Klassifikationssystematik, Metadaten, Dokumentenmanagement, CAD-Modelle und Schriften. Für eine vollständige Liste aller enthaltenen Texte verweisen wir aus Gründen der Übersichtlichkeit auf die Homepage des Beuth-Verlags.

Die frühere, vierte Auflage dieses Sammelbandes war 2014 erschienen; etwa vier Jahre später kommt nun diese Neuauflage auf den Markt. Eine Übersicht im Vorspann des Buches zeigt, was sich seit 2014 getan hat: Von den 21 aufgenommenen Dokumenten sind fünf neu oder geändert – das heißt mit anderen Worten, dass 16 Dokumente im Vergleich zur früheren Ausgabe unverändert sind. Lohnt sich da eine Neuanschaffung? Bevor man sich einzelne Normen neu kauft, auf jeden Fall: Schon alleine der Einzelpreis der fünf neuen bzw. geänderten Dokumente übersteigt in der Summe den Preis des Sammelbandes um mehr als das Eineinhalbfache. Der Einzelpreis aller enthaltenen Dokumente liegt mit über 2.100 EUR sogar mehr als das Zehnfache darüber. So gesehen kann man durchaus von einem Schnäppchen sprechen.

Die abgedruckten Normen sind vom Stand April 2018. Bei zweien davon ist bereits das Ende der Haltbarkeit in Sicht: Die DIN EN 61355-1 und die DIN EN 82079-1, darauf wird im Vorwort ehrlicherweise hingewiesen, werden derzeit überarbeitet und erscheinen voraussichtlich schon 2019 neu. Auch andere Normen, wie die DIN EN ISO 10209 (Ausgabedatum: 2012-11), befinden sich derzeit bereits wieder in der planmäßigen Review-Phase. Diese Tatsache ist bedauerlich, aber bei einer Kompilation von über 20 Dokumenten nicht zu vermeiden.

Ein Buch für die Praxis?

Für die Ergänzung der Redaktionsbibliothek können wir diesen Band daher schon aus wirtschaftlichen Gründen trotzdem empfehlen; was aber sagen unsere Redakteurinnen und Redakteure dazu?

Michael: Mit dem Sammelband habe ich die Texte der DIN EN 82079-1 zu Gebrauchsanweisungen (solange sie noch gültig ist), die DIN EN ISO 10209 mit dem wichtigsten Vokabular oder die Normen zum Dokumentenmanagement an einer Stelle versammelt und weiß deswegen gleich, wo ich nachschlagen kann. Die Normen zu CAD-Modellen und Schriften werde ich in meiner täglichen Arbeit eher nicht benötigen, aber das ist ja individuell verschieden. Schade ist, dass das Stichwortverzeichnis die Normen meiner Meinung nach nicht wirklich gut erschließt: Gefühlt besteht es fast nur aus den Einträgen der 10209, Stichworte mit Verweisen auf andere Normen muss man schon suchen. Noch dazu wird nur auf die Norm, nicht auf eine Seitenzahl verwiesen. Trotz dieses Punktabzugs ein hilfreicher, sehr gehaltvoller Band!

Romy: Die Normen zum Dokumentenmanagement (Teil 1: Prinzipien und Methoden, Teil 2: Metadaten und Informationsmodelle) sind für mich relevant genug, um sie mindestens einmal gelesen zu haben. Zu den meisten anderen in dem Band enthaltenen Normen habe ich in meinem Arbeitsalltag wenig Berührungspunkte.

Außer zur DIN EN 82079-1. Darauf nehme ich dann zwar eher indirekt Bezug, weil ich Kunden bei CMS-Prozessen unterstütze, technisch wie redaktionell-konzeptionell, und seltener Gebrauchsanweisungen erstelle. Dennoch lohnt es sich im redaktionellen Support, wenn ich mir die Inhalte der DIN EN 82079-1 regelmäßig zur Brust zu nehme. Da gerade diese Norm 2019 wohl neu herauskommt, ist der Erscheinungszeitpunkt der Sammelband-Neuauflage aus meiner Perspektive ungünstig für eine Anschaffung.

Ulrike: Wie für meine Kollegen sind für mich einige Normen des Normenbandes relevanter als andere. Mich interessiert neben der DIN EN 82045 für das Dokumentenmanagement aber auch die DIN EN 61355-1, in der ich unter anderem für Anlagendokumentation recherchieren kann. Da ist es manchmal gut zu wissen, dass man eine allgemeine Referenz zu Rate ziehen kann. Und dafür lohnt es sich schon, nicht die Norm selbst kaufen zu müssen, sondern schnell und komfortabel in diesem kompakten Band nachschlagen zu können.

Tatsächlich warte ich jetzt eher auf die Neuauflage der 82079-1, die auch für meine tägliche Arbeit in Beratung und Konzeption relevant ist. Ich vermisse außerdem Normen zur Software-Dokumentation und zum Übersetzungsmanagement. Die würden zumindest meine Ansprüche mehr abdecken als z. B. Normen zu CAD-Modellen oder Schriften. Aber die sind in einem Band zur „technischen Produktdokumentation“ auch eigentlich nicht zu erwarten.

Johannes: Vom inhaltlichen Zuschnitt her sehe ich diesen Sammelband am ehesten geeignet für Redaktionen aus dem Maschinenbau. Wer aus der Software-Branche kommt, kann Themen, die den Maschinenbauern regelmäßig graue Haare wachsen lassen, getrost ignorieren (gutes Beispiel: der DIN-Fachbericht 146 zu Betriebsanleitungen für komplexe Gesamtanlagen aus mehreren Komponenten). Als Softwerker sucht man aber vielleicht Unterstützung dabei, wie der Redaktionsprozess unter den Bedingungen agiler Entwicklung neu aufgestellt werden müsste und würde sich über die ISO IEC 26515 freuen (Entwicklung von Benutzerdokumentation in einem agilen Umfeld).

Also, um eine bewusste Entscheidung, ob der Zuschnitt passt, kommt niemand herum. Sobald der Zuschnitt „ganz gut“ passt, lohnt sich der Band auf jeden Fall, wie unser Rechenbeispiel oben zeigt. Fakt ist auch: Normen muss man kennen, wenn man in der Technischen Redaktion arbeitet. Zumindest die zentral relevanten – und auch, wenn man sie nicht täglich zu Rate zieht.

Hinweis:

Das hier besprochene Buch wurde uns vom Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Der Verlag hat keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieser Besprechung genommen.

Literatur:

DIN e.V./VDE e.V. (Herausgeber): Technische Dokumentation – Normen für technische Produktdokumentation und Dokumentenmanagement (= DIN-VDE-Taschenbuch 351). 5. Auflage. Beuth Verlag GmbH, Berlin, Wien, Zürich, 774 Seiten.

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